Der Mundartdichter Uwe Steimle ist krank. Auch von den "Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlands" konnte keiner zum Mitdiskutieren kommen. Mittwochabend im Dresdner Haus der Kathedrale. Die Landeszentrale für politische Bildung will ihren Teil zur Beruhigung der Pegida-Aufregung tun und hat unter dem alarmistischen Titel "Wie verteidigen wir das Abendland?" zur Diskussion eingeladen. An die 300 Leute sind zur Stelle. Volles Haus, aber verschwindend klein gegen die seit Wochen anschwellenden Montagsdemonstrationen des Pegida-Bündnisses. Das Abendland geht um in Sachsen. 7500 Menschen demonstrierten am Montag in der Dresdner City für die Rettung des guten alten Okzidents vor Salafismus, Burka-Pflicht und Scharia, also den gebündelten "Bedrohungen" aus Osten.

Dichter und Patrioten fehlen

Da wird es Zeit, den altmodischen Abendland-Begriff intellektuell-spitzfindig zu sezieren. Weil aber Dichter und patriotische Europäer fehlen, gehört die Bühne zwei gewitzten älteren Politikwissenschaftlern.

Der eine, TU-Professor Werner Patzelt, taucht die Kelle tief ins dunkle Zeitalter, schöpft Weströmer, Sarazenen, Germanen und Nordmänner raus, die alle das Abendland geformt hätten. Hat aber wenig Lust, über Begriffe zu streiten. Es gehe vielmehr darum, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland sei, "dass aber noch keine Politik erkennbar ist, wie Einwanderung ausgestaltet werden soll", sagt der 61-jährige, der als strammer Soldat der sächsischen Union gilt. Patzelts Analyse: Irgendwas laufe schief bei der Verwandlung der Gesellschaft in eine Einwanderungsgesellschaft, "das empfinden die Menschen und nennen es Bedrohung". Auch wenn gar nichts wirklich bedroht sei. "Religiöse Menschen sind generell keine Bedrohung", aber das würden atheistisch geprägte Ostdeutsche anders empfinden.

Der andere Herr, der 70-jährige Linke Peter Porsch, erinnert daran, dass das christliche Abendland mit einer Herbergssuche begonnen habe, als vor knapp 2014 Jahren bei Maria die Wehen einsetzten.

Eingekeilt zwischen beiden Herren, verkörpert die SPD-Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange die atheistische Sachlichkeit in der Runde. "Unser größtes Problem" sei eben, dass wir die Erfahrungen mit den Asylbewerbern aus Syrien und dem Irak erst noch machen müssten.

Katholik verjagte Protestanten

Peter Porsch plaudert aus dem Nähkästchen seiner Kindheit im österreichischen Burgenland, wo der katholische Onkel dereinst den evangelischen Freund der Cousine mit der Peitsche vom Hof jagte. Sowas sei dort inzwischen überwunden. Die Pegida-Leute, sagt Porsch, zeigten sich "nicht konfliktfähig, nur kampffähig", ihre Sprache klinge "einfach kriegerisch". O-Töne von der letzten Demo werden eingespielt, dort ruft der Pegida-Wortführer: "Die Ratten werden mehr und werden lauter." Werner Patzelt sagt, eine Demo sei eben kein akademischer Kongress, "das ist halt die Textsorte, die auf der Straße gesprochen wird". An den Forderungen des Bündnisses könne er grundsätzlich "nichts Falsches finden", sagt Patzelt. Man solle zumindest versuchen, aus den Reihen der Demonstranten "ein paar verirrte Schafe wieder einzusammeln".