Er persönlich würde das Reh abschießen, wenn es in seinem Revier wäre, sagte Giese, der selbst Jäger ist. Die Entscheidung bleibe jedoch dem jeweiligen Jäger überlassen.
Das Umweltministerium sprach sich derweil gegen einen Abschuss des Tieres aus, das bei Oberlungwitz in einem rund 900 Hektar großen Hirschgrund lebt. "Als Rarität und Naturphänomen sollte man es leben lassen", sagte eine Sprecherin in Dresden. Auch die Umweltorganisation Nabu und der Leipziger Zoologe Ronny Wolf lehnten eine Tötung ab.

"Das sieht aus wie eine Ziege"
Giese sagte, er würde das Tier abschießen, "weil mir das nicht gefallen würde in meinem Revier. Das sieht aus wie eine Ziege". Viele Jäger hätten jedoch Skrupel, Albino-Rehe abzuschießen. Es gebe den Aberglauben, dass die Tötung eines solch raren Tiers Unglück bringe.
Die Ministeriumssprecherin fügte hinzu, das seltene Tier unterliege zwar laut Jagdgesetz prinzipiell keinem höheren Schutz als gewöhnliche Rehe. Zwingend erforderlich wäre der Abschuss laut Jagdgesetz aber nur, wenn das Tier krank sei. Unzulässig wäre die Tötung indes, wenn es sich um ein männliches Jungtier handeln würde. Dann gälte für das Reh eine Schonzeit, und es dürfte nicht gejagt werden.
Der Geschäftsführer der Umweltorganisation Nabu in Sachsen, Bernd Heinitz, nannte eine Tötung des Tiers völlig unnötig: "Dann müsste man ja alle Albinos abschießen." Niemand käme auf die Idee, weiße Tiger, Gorillas oder Elefanten zu töten. Albinos seien eine Laune der Natur. Jedoch handle es sich dabei nicht um eine Krankheit.
Der Zoologe Wolf betonte, zu einem Abschuss gebe es keine Notwendigkeit. So sei etwa nicht nachgewiesen, dass eine Albino-Art neben ihrem genetisch bedingten Pigmentdefekt weitere Erbänderungen oder Krankheiten in sich trage. Zudem habe ein einziges Tier auf die Gen-Zusammensetzung eines ganzen Rehbestands keine Auswirkungen. Das Vorkommen von Albinos sei extrem gering und bewege sich schätzungsweise im Verhältnis von 1 : 100 000. Nach Worten des Landesjagdpräsidenten liegt die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Paarung mit einem Albino-Tier wieder ein normales Junges geboren wird, bei 99 Prozent.

Pächter: Das ist Wilderei
Ralf Georgi, Pächter des Hirschgrunds in Oberlungwitz bei Chemnitz, hatte sich bereits gegen einen Abschuss ausgesprochen. "Wenn einer in meinem Revier das Reh heimlich schießt, ist das Wilderei", sagte er. Ihn störe das Tier nicht. Dem Albino-Kitz brachte sein Äußeres bereits den Spitznamen "Rehweißchen" ein.
Auch der Bürgermeister von Oberlungwitz und Einwohner sprachen sich gegen eine Bejagung des seltenen weißen Jungtiers aus. Er sei gegen eine Tötung des Tieres, sagte Steffen Schuber. Viele Menschen in Oberlungwitz dächten wie er. Die Auffassung des Präsidenten des Sächsischen Jagdverbandes, Günter Giese, sei eine Einzelmeinung, "die Gott sei Dank niemand teilt".