Frau Ministerin, was raten Sie Eltern, die plötzlich damit konfrontiert werden, dass ihre Kinder stehlen, dealen, rechtsradikale Parolen rufen„
Ich würde immer empfehlen, das offene Gespräch mit den Kindern zu suchen. Solches Verhalten deutet darauf hin, dass sie Probleme haben, die in der Schule oder in der Familie liegen. Ich würde Eltern raten, sich professionelle Hilfe zu holen.

Das Modellprojekt "Haftvermeidung durch soziale Integration" unterstützt junge Menschen auf dem Weg aus der kriminellen Karriere. Was ist beispielhaft an dem Vorhaben, das auch von ihrem Ministerium unterstützt wird“
Es gibt ja zwei Stränge der Prävention. Zum einem wird versucht, zu verhindern, dass Kinder und Jugendliche kriminell werden. Zum anderen muss die richtige Strategie gefunden werden, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Beispielhaft ist bei HSI die soziale Integration durch Arbeit. Denn wer etwas zu verlieren hat, einen Arbeitsplatz, Anerkennung in der Gesellschaft, wird sich stärker überlegen, ob er dieses Gut in Gefahr bringt, als jemand, der nichts zu verlieren hat.

Sie engagieren sich persönlich stark für Prävention - weshalb„
Schon als CDU-Fraktionsvorsitzende habe ich mich mit dem Thema Jugend-Gewalt auseinander gesetzt. Anlass war das Blutbad durch einen Schüler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Im Landtag haben wir uns intensiv mit der Frage beschäftigt: Wie wird jemand so“ Viele Studien belegen, dass Auslöser für solche Fehlentwicklungen häufig in der Familie liegen. Dass Kinder zu Gewalt neigen, wenn sie diese auch bei Mutter und Vater erlebt haben. Es muss also zeitig begonnen werden gegenzusteuern - bevor Jugendliche zum Baseball-Schläger greifen.

Müsste nicht schon Kindern in gefährdeten Familien geholfen werden„
Das ist richtig. Wenn Mittel für die Frühprävention eingesetzt werden, bedeutet das langfristig eine Geldersparnis. In Niedersachsen gibt es einen Modellversuch, bei dem jungen Familien in schwierigen Verhältnissen - allein erziehend, geringes Einkommen, geringe Bildung - umfassende Betreuung beginnend mit der Schwangerschaft angeboten wird. So etwas planen wir auch in Brandenburg - in Zusammenarbeit mit dem Klinikum Niederlausitz in Senftenberg, das gut mit Eltern zusammenarbeitet. Zudem sehe ich die vielen Kindereinrichtungen im Land als einen Schlüssel zu den Eltern. Aus diesen müssen mehr Impulse kommen. Es sollten mehr Beratungen angeboten werden, ohne zunächst zum Jugendamt zu gehen, um Eltern zu erreichen, die sich nicht von allein Hilfe suchen.

Es gibt trotz wissenschaftlicher Untersuchungen viele Präventions-Skeptiker. Lässt sich der ökonomische Nutzen von Prävention in Zahlen belegen“
Natürlich, ein Hafttag kostet etwa 100 Euro. Wenn ich also durch Prävention auch nur einen Jugendlichen vor der Haft bewahren kann, habe ich das Monatsgehalt für einen Sozialarbeiter oder Therapeuten wieder raus. Und der kann sich um mehr als einen Jugendlichen kümmern. Ich habe erst kürzlich an Landräte appelliert, bei der Zusammenarbeit mit den Jugendämtern der Nachhaltigkeit mehr Aufmerksamkeit zu schenken und nicht nur an die kurzfristige Ersparnis zu denken, wenn eine Stelle abgeschafft wird. Die Folgeschäden, wenn mehrere Familien nicht mehr betreut werden, sind größer.

Klingt logisch, wird aber doch meist anders gehandhabt, weil Geld fehlt.
Trotz vergleichbarer finanzieller Rahmenbedingungen gibt es unterschiedliche Qualität bei der Zusammenarbeit von Familiengerichten und Jugendämtern. Besonders gut funktioniert sie nach Ergebnissen einer Umfrage unseres Ministeriums im Elbe-Elster-Kreis. Dort ist auch nicht mehr Geld vorhanden als anderswo. Es spielt auch eine Rolle, was man damit macht. Vernetzung, monatliche Treffen der Vertreter von Jugendamt, Schule, Polizei, Familiengericht, um Problemfälle zu erörtern, Maßnahmen zu verabreden und um im Ernstfall einen schnellen Draht zu haben - das kostet kein Geld.

Da Sie so mit Leidenschaft über Prävention sprechen, besteht wohl keine Gefahr, dass HSI 2006 nicht mehr finanziert werden kann„ Die Projekt-Macher sind immer besorgt, ob es weitergeht.
Das weiß ich gut. Ich werde im Kabinett mit der gleichen Leidenschaft dafür werben, dass das wirkungsvolle Projekt weitergeführt wird.

Wer sich für Präventionsarbeit mit jungen Kriminellen einsetzt, bekommt oft zu hören: Wenn so viel nur für die Opfer getan würde. Ist das berechtigt“
Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Prävention und Opferschutz. Prävention ist der beste Opferschutz. Sie versucht zu verhindern, dass Menschen zu Opfern werden. Aber auch für die Opferhilfe werden Gelder - in großem Maße Lottomittel - bereitgestellt.

Mit BEATE BLECHINGER
sprach Verena Ufer