Sieben Jahre nach der prowestlichen Orangenen Revolution in der Ukraine drohe der zweitgrößte Flächenstaat Europas zum Spielball der Machtinteressen zu werden, kommentiert das Blatt „Segodnja“. Falls Brüssel das geplante Assoziierungs- und Freihandelsabkommen auf Eis lege, bleibe als Partner für Kiew wohl nur Moskau.

Das Urteil gegen Timoschenko sei gesprochen, auf die dringendste Frage aber hätten die rund 46 Millionen Ukrainer keine Antwort erhalten, sagt der Politologe Andrej Jermolajew. „Wohin steuert das Land?“ Nach Jahren der politischen und wirtschaftlichen Stagnation benötige die Ukraine einen Neubeginn.

Viele hätten mit dem Sieg des Timoschenko-Rivalen Viktor Janukowitsch bei der Präsidentenwahl 2010 die Hoffnung auf eine Wende verbunden, meint Jermolajew. Nun wirke es so, als ob sich der Staatschef mehr auf das „Kaltstellen“ seiner Gegner konzentriere als auf die Modernisierung des Landes. Schon in den nächsten Tagen will sich Janukowitsch um Schadensbegrenzung bemühen – und dabei wohl auch seinen politischen Spielraum ausloten. Der Staatschef trifft sich am 18. Oktober in Donezk mit seinem russischen Amtskollegen Dmitri Medwedew, anschließend wird er in Brüssel erwartet. In beiden Fällen wolle Janukowitsch nicht mit leeren Händen nach Kiew zurückkehren, meint Michail Pogrebinski vom ukrainischen Zentrum für Politikstudien.

Brüssel verurteilt die Haftstrafe für Timoschenko scharf. Der Kiewer Politologe Sergej Fessenko erwartet aber nicht, dass die EU die Tür für die Ukraine zuschlagen wird. „Die EU braucht die Ukraine - und umgekehrt.“ Eine Annäherung der Ukraine, die seit 2009 Mitglied der EU-Ostpartnerschaft ist, an Russland könne die EU kaum wollen. Aber der „Sirenengesang“ Russlands gegenüber früheren Sowjetrepubliken werde immer lauter.

Erst vor Kurzem hat Moskaus Regierungschef Wladimir Putin, der im nächsten Jahr in den Kreml zurückkehren will, sein Projekt einer Eurasischen Union auf dem Territorium der 1991 untergegangenen Sowjetunion vorgestellt. „Putin will Russland stärker als Regionalmacht etablieren“, urteilt Fessenko.

Beobachter halten es für möglich, dass Timoschenko durch eine Gesetzesänderung oder Begnadigung vorzeitig freikommen könnte.