Dass bei dem nächtlichen Anschlag auf seine Leipziger Wohnung niemand verletzt wurde, ist nur dem Zufall zu verdanken: Der Stein prallte an der Fensterscheibe zurück - Gemkows fünfjährige Tochter und der drei Monate alte Sohn schliefen fest. Es mache ihn "persönlich betroffen und ein Stück enttäuscht", so der Justizminister am Tag nach der Tat. Enttäuscht, weil er an das Gute im Menschen glaube, weil aber trotzdem "eine möglicherweise größere Anzahl Personen so kaltblütig vorgeht, dass sie nicht davor zurückschreckt, ein Baby zu verletzen".

Gemkows Wohnung in der Südvorstadt ist erstmal unbewohnbar. Die Familie ist übergangsweise woanders untergebracht. Gemkow sagt, er wolle seine Freiheit nicht einschränken, sein Leben "nicht davon beeinflussen lassen". Aber er wird sich wohl an mehr Sicherheitsmaßnahmen gewöhnen müssen. Es gebe dazu Überlegungen, teilte er gestern mit, aber noch nichts Konkretes.

Unbekannte hatten in der Nacht zum Dienstag die Privatwohnung des Ministers mit Steinen angegriffen. Anschließend versuchten sie, Behälter mit übel riechender Buttersäure in die Wohnung zu werfen.

Derweil laufen die Ermittlungen der Leipziger Polizei auf Hochtouren. Aus welcher Richtung der Angriff kam, ist derzeit noch völlig offen. Gemkow sieht das, was seiner Familie passiert ist, als "kleinen Baustein von vielen, die ein Bild verdichten von einer Gesellschaft, die zunehmend auf gewalttätige Auseinandersetzung setzt".

In diese Kategorie gehört auch der Aufzug von Asylgegnern vor dem Haus des Dresdner Oberbürgermeisters Dirk Hilbert (FDP) am Dienstagabend. 50 Leute versammelte sich dort gegen 22 Uhr - sie hatten sich zuvor über Facebook verabredet. Die Demons-tranten protestierten gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in einer Turnhalle und einem Containerdorf in Dresden-Übigau. Sie warfen ein Schreiben in Hilberts Briefkasten. Vereinzelte "Volksverräter"-Rufe waren zu hören. Polizei war vor Ort. Nach 20 Minuten zog die Gruppe wieder ab.

Sachsens Politik befürchtet, dass solche Aufläufe zum unschönen Brauch werden könnten. "Niemand muss nachts vor Wohnhäusern auflaufen", sagt SPD-Generalsekretärin Daniela Kolbe. "Wer mit Entscheidungen unzufrieden ist, die wir als Abgeordnete treffen, der findet in den Büros ein offenes Ohr. SPD und Linke forderten gestern, Meldeadressen von Politikern nicht mehr amtlich bekannt zumachen.

"Der Gedanke, dass Interessierte von Kandidaturen absehen, weil sie auch ihr privates Umfeld preisgeben müssen, ist nicht aus der Luft gegriffen", sagte Linken-Geschäftsführerin Antje Feiks.