Es ist ja nicht so, dass Eisenhüttenstadt in der musikalischen Welt bisher überhaupt keine Rolle spielte. Wer eine DDR-Schule besuchte und dem Musikunterricht aufmerksam lauschte, dürfte mit der Kantate "Eisenhüttenkombinat Ost" von Ottmar Gerster aus dem Jahr 1952 vertraut sein. Die Hymne auf die volkseigene Industrie avancierte zwar nicht zum Ohrwurm, blieb aber in bester Tradition dem sozialistischen Realismus verpflichtet. Gut 60 Jahre später dient Eisenhüttenstadt nun erneut als Inspirationsquelle für Musik. Der Schlagzeuger und Produzent Sven Helbig hat eines von zwölf Stücken seiner "Pocket Symphonies" nach der Stadt seiner Kindheit benannt. Am Freitag kam die Scheibe in den Handel. Am 25. Februar hat das Werk im Dresdner Albertinum seine Uraufführung.

Helbig wuchs in Eisenhüttenstadt auf, ging nach der Wende nach New York und lebt heute in Dresden. Die musikalische Reminiszenz an seine Heimat schildert er so: "Die Komposition beschreibt den Moment, als ich nach 20 Jahren wieder an die Orte zurückkehrte, wo meine Großeltern ihren Garten hatten und ich zur Schule ging. All das fand ich in einem völlig veränderten Zustand. Es fehlten nicht nur die Häuser, sondern die ganze Idee von der Stadt war verschwunden." Seine Großeltern seien seinerzeit nach Eisenhüttenstadt gezogen, weil die Oma keine Kohlen mehr schleppen wollte und es in der "auf dem Reißbrett entstandenen Planstadt" Fernwärme gab. "Als ich dort zur Welt kam, war niemand älter als 40. Es gab keinen einzigen alten Pflasterstein, der an Gestern erinnert hätte."

Die "Eisenhüttenstadt"-Sinfonie klingt sehnsuchtsvoll. Helbig hat ein Porzellan-Glockenspiel eingebaut, um die Verklärung der versunkenen Zeit einzufangen: "Wo das Haus meiner Großeltern stand, wächst jetzt Unkraut. Alles ist weg, da bleibt nichts übrig, was man noch pflegen könnte." Die "Sinfonien für die Hosentasche" erinnern an Filmmusik, Helbig hat nichts gegen eine solche Einordnung und verteidigt die einprägsame Bildsprache. "Harmonien und Melodien, die etwas erzählen wollen, werden nur noch im Film verwendet. Auf der Bühne ist das ja verpönt. Doch wohin will man nach Stockhausen mit der sogenannten Neuen Musik noch gehen", fragt er und blickt dabei auf den 2007 gestorbenen Komponisten Karlheinz Stockhausen.

Dabei hat sich auch Helbig als musikalischer Grenzgänger einen Namen gemacht. 1997 gründete er mit seinem Kollegen Markus Rindt ein Orchester neuen Typs. Die Dresdner Sinfoniker vereinen seither Musiker bekannter Orchester Europas und bringen regelmäßig Raritäten auf die Bühne. Helbig stieg später aus dem Projekt zwar aus, hat aber manche Verbindungen aus dieser Zeit erhalten - beispielsweise die zu den Pet Shop Boys. Helbig ließ sie zur 800-Jahr-Feier von Dresden mit seinem Orchester auf einem Hochhaus auftreten.

Derzeit bereitet er mit den Briten ein Theaterprojekt vor. Ohnehin mag er Inszenierungen. Für den Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden schrieb er die Eröffnungsmusik - ein Chor von 300 000 Sängern führte sie auf.