Die Euphorie des friedlichen Machtwechsels im Dezember 2004 ist abgeklungen, ein klarer Sieg seines Parteiblocks "Unsere Ukraine" bei der morgigen Parlamentswahl zeichnet sich nicht ab. Um überhaupt eine Regierungsbildung zu gewährleisten, wird Juschtschenko wohl "zwischen zwei Übeln" wählen müssen, befindet der Leiter des Kiewer Zentrums für politische Studien (Penta), Wolodimir Fesenko: Entweder ein Bündnis mit den Gegnern der "Orangen Revolution", der pro-russischen Regionenpartei von Viktor Janukowitsch, oder eine neuerliche Zusammenarbeit mit den Ex-Verbündeten und heutigen Rivalen von Julia Timoschenkos Block-Partei.
"Es geht um viel, weil der außenpolitische Kurs der Ukraine von den Wahlergebnissen und der Machtverteilung im Parlament abhängt", erklärt der Politikwissenschaftler Wadim Karasiow. Die ukrainischen Wähler entscheiden darüber, ob ihr Land in den kommenden fünf Jahren seine erst vor kurzem begonnene Annäherung an den Westen fortsetzt oder sich erneut dem russischen Einfluss aussetzt, der in der ehemaligen Sowjetrepublik latent weiterwirkt. Juschtschenko will, dass die Ukraine Mitglied der Nato, der EU und der Welthandelsorganisation (WTO) wird. Janukowitschs Regionenpartei steht hingegen für eine enge Partnerschaft mit Russland.

Kampf mit harten Bandagen
Die siegreiche Partei wird nicht nur den Regierungschef stellen, sondern den Großteil der Kabinettsmitglieder. Umfragen sagen Juschtschenkos Partei einen Stimmenanteil von nur rund 20 Prozent voraus, die Regionenpartei lag wenige Tage vor der Wahl hingegen bei rund 30 Prozent. Der Partei von Timoschenko wurden zuletzt rund 17 Prozent der Stimmen vorausgesagt. Wird der Wahlkampf auch von allen drei Parteien mit harten Bandagen geführt, so müssen sich nach der Wahl eventuell dennoch zwei von ihnen in dem Einkammerparlament (Rada) zusammenraufen.

Gestörtes Verhältnis
Auf den ersten Blick böte sich an, dass Juschtschenkos Partei und der nach Timoschenko benannte Block unterstützt von kleineren Parteien ihre Kräfte wieder bündeln. Doch das Verhältnis zwischen den beiden Leitfiguren des friedlichen Machtwechsels ist gestört, seit der 52-jährige Präsident seine einstige Mitstreiterin Timoschenko wegen anhaltender Korruptionsvorwürfe gegen ihr Kabinett als Regierungschefin entließ. Juschtschenko "hat kein Vertrauen mehr zu Timoschenko", sagt Fesenko. Die ehrgeizige Politikerin werde keine untergeordnete Rolle mehr spielen wollen, sondern Juschtschenko die Führung streitig machen.
Ein Bündnis zwischen "Unsere Ukraine" und der Regionenpartei könnte das in Prowestliche und Russlandtreue geteilte Land einigen und durch das Zurückgewinnen russischer Unterstützung die verlangsamte wirtschaftliche Entwicklung des Landes wieder vorantreiben. Nato- und EU-Mitgliedschaft würden dadurch jedoch weiter in die Ferne rücken. Zudem könnten Juschtschenkos Anhänger ihm Verrat an den Idealen der Revolution vorwerfen, wenn er mit dem gestürzten Präsidenten gemeinsame Sache macht.