Auf dem Londoner Flughafen Heathrow patrouillieren mehrere hundert Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen; in den USA soll sich die Bevölkerung mit "Katastrophen-Sets" inklusive Schutzhelm, Taschenlampe und Radio für den Ernstfall eindecken - die Furcht vor Terrorakten wächst derzeit wieder. Auch in Deutschland ist die Gefahr von Anschlägen "mindestens ebenso deutlich vorhanden" wie nach dem 11. September, wie die SPD-Innenexpertin Cornelie Sonntag-Wolgast betont.
Deutsche Katastrophenschutz-Experten warnen allerdings vor Panikmache. "Niemand muss sich jetzt Gasmasken kaufen und seine Wohnungsfenster abdichten", sagt der Bonner Zivilschutzexperte Winfried Glass. Das Bundesinnenministerium geht nach wie vor von einer "angespannten, erhöhten Gefahrenlage" in Deutschland aus. Die Razzien der vergangenen Tage gegen mutmaßliche Islamisten in mehreren Bundesländern zeigen laut Sonntag-Wolgast die "angespannte Wachsamkeit der Sicherheitsbehörden". Es gebe aber keine konkreten Hinweise auf mögliche Anschläge, betonen die Sicherheitsbehörden.
Dennoch wird immer wieder die Frage diskutiert, ob Deutschland gegen einen terroristischen Angriff oder einen Anschlag mit Biowaffen gewappnet ist. Die Anschaffung von "Katastrophen-Sets" für Privathaushalte hält Glass jedenfalls für unsinnig, solange keine akute Gefährdung bestehe. Ohnehin könne sich niemand hundertprozentig absichern. So schütze eine Gasmaske nicht gleichzeitig gegen alle Kampfstoffe. Auch sei es nicht notwendig, Fenster aus Angst vor chemischen Waffen luftdicht zu verschließen oder Lebensmittel in großem Stil zu bunkern, betont der Sachverständige. Auch Lübbo Roewer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) warnt vor "hysterischer Panikmache": "Es gibt keine Bedrohung in Deutschland, die so etwas rechtfertigt."
Beim Zivil- und Katastrophenschutz hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren einiges getan. Der Bund lieferte 340 ABC-Fahrzeuge zum Aufspüren atomarer, biologischer und chemischer Stoffe an die Länder. Neben dem satellitengestützten System zur Warnung der Bevölkerung gibt es mit dem Deutschen Notfallvorsorge-Informationssystem (denis) ein Online-Angebot für den Zivil- und Katastrophenschutz. Die Akademie für Notfallplanung und Zivilschutz in Bad Neuenahr wird zum Kompetenzzentrum für das Bund-Länder-Krisenmanagement ausgebaut. Die Ausbildungskurse, in denen sich Katastrophen- und Notfallhelfer auch mit den Gefahren durch ABC-Waffen befassen, wurden aufgestockt.
Zugleich wurde am Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) eine Zentrale Informationstelle des Bundes für biologische Kampfstoffe eingerichtet. Bestehende Alarmpläne zur Verhütung und Bekämpfung von Seuchen wurden mit Blick auf bioterroristische Anschläge etwa mit Pocken-Viren aktualisiert. Bis Ende des Jahres sollen 100 Millionen Dosen Pocken-Impf-stoff vorrätig sein, um im Notfall alle Deutschen impfen zu können. Auch die Sicherheitsmaßnahmen an öffentlichen Plätzen sowie jüdischen und amerikanischen Einrichtungen wurden mehrfach verstärkt. Auf Flughäfen wie in Frankfurt am Main wurden Streifendienste und Zugangskontrollen verschärft. Seit Januar werden auf den deutschen Flughäfen alle Gepäckstücke kontrolliert, statt wie bisher nur einen größeren Teil der Koffer zu röntgen.
Im Januar begann die Bundeswehr zudem mit der Bewachung von US-Kasernen. Nach Regierungsangaben sind etwa tausend Bundeswehrsoldaten zum Schutz von US-Einrichtungen im Einsatz "und es werden deutlich mehr werden".
Vor allem beim Katastrophenschutz sehen Experten allerdings noch Defizite. Glass sieht in den Kommunen noch Schwachstellen. So seien viele Bürgermeister nicht auf eine Bedrohung durch biologische Waffen vorbereitet. Zudem fehlten häufig klare Notfallpläne für die Einsatzkräfte. Nach Einschätzung anderer Experten mangelt es vor allem bei der Ausrüstung und Ausbildung. Gerade viele ehrenamtliche Helfer seien immer noch nicht auf einen Katastrophenfall vorbereitet.