Herr Helten, Sie als Experte, helfen Sie mir bitte, das Problem zu verstehen. In Deutschland besteht Schulpflicht. Warum gibt es Menschen, die dennoch nicht oder nicht richtig lesen und schreiben können?

Die betroffenen Erwachsenen haben in der ersten und zweiten Schulklasse nicht die nötigen Basiskompetenzen fürs Lesen und Schreiben gelernt. Das kann unterschiedliche Gründe haben und liegt unter anderem daran, dass vielfach kein individuell angepasster Unterricht möglich ist. Weiterhin gibt es auch immer mehr bildungsferne Familien, in denen Lesen und Schreiben beziehungsweise Bildung kaum eine Rolle spielen. Die Chance, erfolgreich lesen und schreiben zu lernen, hängt derzeit immer noch sehr stark vom jeweiligen sozialen Milieu ab, in dem jemand aufwächst. Das Schulsystem kann das nur schwer auffangen.

War das denn vor einigen Jahrzehnten noch anders?

Empirische Untersuchungen gibt es dazu nicht. Wir gehen aber davon aus, dass es auch vor Jahrzehnten nicht deutlich mehr oder weniger Menschen gab, die nicht lesen und schreiben konnten. Damals existierten aber im Vergleich zu heute noch mehr Berufe, in denen das nicht aufgefallen ist. Beispielsweise muss heute auch ein Lagerarbeiter Vorgänge abzeichnen, Berichte schreiben und vieles mehr. In nahezu jedem Beruf wird mit Computern gearbeitet. Die gesellschaftlichen Anforderungen an das Lesen und Schreiben sind heutzutage wesentlich höher als noch vor 20 Jahren. Es ist heute fast unmöglich, das noch geheim zu halten oder zu vertuschen.

Wie kommen Betroffene so durch zehn Jahre Schule?

Das funktioniert durch verschiedenste Vermeidungsstrategien: zum Beispiel durch verstärktes Engagement im mündlichen Unterrichtsbereich oder indem Freunde und andere Vertrauenspersonen die Hausaufgaben erledigen. Vielfach fällt die geringe Lese- und Schreibkompetenz aber in den schülermäßig großen Klassen auch überhaupt nicht richtig auf, und die Kinder werden halt so durchgeschleppt. Nach der dritten Klasse gilt man in Deutschland als alphabetisiert, und in den weiterführenden Schulen werden Jugendliche dann kaum eine Chance haben, noch einmal die grundsätzlichen Lese- und Schreibkompetenzen zu lernen.

Halten Sie das für falsch?

Ich halte nichts von Schuldzuweisungen, da in vielen Schulen die Lage sehr schwierig ist. Unser Verband aber vertritt die Auffassung, dass jeder Mensch jederzeit das Recht hat, lesen und schreiben zu lernen – das heißt während, aber auch nach der Schulzeit.

Aber dieses Recht und die Möglichkeit dazu hat doch de facto jedes Kind in der Schule.

Schon, aber das Schulsystem ist momentan nicht in der Lage, jeden Menschen zu alphabetisieren. Hinzu kommt, dass insgesamt in der heutigen Gesellschaft an Lesen und Schreiben höhere Anforderungen gestellt werden als noch vor Jahrzehnten. Einerseits werden die Betroffenen also nicht entsprechend gefördert, andererseits werden die Ansprüche immer höher.

Entlassen Sie da die Betroffenen und deren Familien nicht aus der Verantwortung?

Nicht alle Kinder sind gleich begabt, lesen und schreiben zu lernen. Manche sind vielleicht eher musikalisch oder sportlich talentiert. Kinder brauchen also unterschiedlich lange, um lesen und schreiben zu lernen. Und darauf muss sich die Schule einstellen. Häufige „Karrieren“ von funktionalen Analphabeten sehen so aus, dass sie als Kind häusliche Gewalt erlebt haben, schwer krank waren, zu Hause einfach überfordert wurden, indem sie den Haushalt übernehmen mussten, kaum Schlaf bekamen, – da fiel es diesen Kindern extrem schwer, in der Schule mitzukommen. Es zielt einfach zu kurz, von pauschalem Versagen zu sprechen.

Welche Rolle spielt denn fehlende Lust?

Es ist relativ schwer, Teenager nach einer gescheiterten Schulkarriere zu motivieren. Bei vielen kommt noch die fehlende Perspektive hinzu, manche sind auch bereits stigmatisiert nach dem Motto: Wer Hauptschüler ist, wird eh Hartz-IV-Empfänger. Jemanden zu motivieren, wenn er in Bildung keinen persönlichen Gewinn oder für sich keine Perspektive sieht, ist allerdings in der Tat sehr schwierig.

Warum ist das so?

Das ist häufig völlige Überforderung. Irgendwann türmt sich dann ein riesiger Anforderungsberg auf. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass Über-35-Jährige, die Alphabetisierungskurse besuchen, sehr hoch motiviert sind. Sie sind menschlich reifer, viele sehen eine Perspektive und für sie hat Lesen und Schreiben eine Funktion, weil sie sich beispielsweise beruflich verändern oder dem eigenen Kind bei den Hausaufgaben helfen wollen.

Was hilft seitens Familie und Freunden eigentlich mehr – die Hilfe zur Verschleierung oder Nein-Sagen und damit Druck, das Problem anzugehen?

Viele Betroffene haben Vertrauenspersonen, die ihnen Schreibarbeiten abnehmen. Was ihnen im Moment hilft, ist auf Dauer aber nicht sinnvoll. Man sollte das Thema unter vier Augen ansprechen und dem Betroffenen das Gefühl geben, dass man ihn wertschätzt.