Auf den Chefposten im Aufsichtsrat des Hauptstadtflughafens ist er nicht scharf, für Olympia will er nicht unnötig Geld ausgeben: Zu Beginn seiner Amtszeit zeigt sich Berlins neuer Regierungschef Michael Müller (SPD) zurückhaltend. Seine Senatoren können sich jedoch, das wird im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur deutlich, auf einen neuen Ton gefasst machen.

Frage: Herr Müller, Sie haben an ihrem ersten Tag im Amt gleich mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammengesessen. Wie war das so?

Antwort: Der Auftakt war schon beeindruckend. Erst die Wahl auch mit zwei Stimmen der Opposition, dann Ministerpräsidentenrunde, das Treffen mit der Kanzlerin. Wir hatten einige Tagesordnungspunkte und bei vielen davon wusste sie mindestens so gut Bescheid wie die Fachminister.

Frage: Haben Sie schon das Standing, sich gegen die anderen Ministerpräsidenten durchzusetzen?

Antwort: Das war bisher nicht nötig: Man bemüht sich ja, viel im Einvernehmen abzustimmen. Aber ich mache mir da überhaupt keine Sorgen, weder bei mir noch beim unserem Finanzsenator.

Frage: Wie sind Sie auf die beiden neuen Senatoren gekommen?

Antwort: Ich kannte sie gut. Mit dem neuen Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) hatte ich in Berlin immer wieder Schnittstellen. Mir war jemand wichtig, der die bisherigen Schwerpunkte inhaltlich weiter verfolgt. Beim Finanzsenator sollte es jemand von außen sein. Und Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) ist Finanzexperte und weiß außerdem auch, wie die SPD tickt.

Frage: Warum darf das Geld kein Berliner verwalten?

Antwort: Das kann gut und schlecht zugleich sein. Viel Nähe zu den finanzpolitischen Themen kann helfen. Auf der anderen Seite ist mir eine gewisse Distanz wichtig. Wir müssen das Geld zusammenhalten, da darf ein Finanzsenator nicht immer gleich die Taschen aufmachen.

Frage: Was werden Sie bei der Senatsklausur im Januar als brennendste Probleme Berlins benennen?

Antwort: Ich will, dass die Senatoren für sich selbst klarziehen, was sie in der ersten Hälfte der Legislaturperiode erreicht haben und was sie noch an Schwerpunkten vorhaben. Wir haben nur ein oder anderthalb Arbeitsjahre, dann ist Wahlkampf. Es kristallisiert sich heraus, dass die Fragen Flüchtlingsunterbringung, Olympia, Finanzen, Bildungs- und Wohnungspolitik eine wichtige Rolle spielen werden.

Frage: Und der Flughafen? Sie hatten angedeutet, den Aufsichtsrat umbauen zu wollen.

Antwort: Bund, Brandenburg und Berlin überlegen immer noch, wie man es am besten macht. Die Situation im Aufsichtsrat im Moment ist unglücklich: Minister Henkel, Ministerpräsident Müller, ansonsten aber Staatssekretäre und Referenten. Das ist nicht gut. Nach der ersten Sitzung war es sofort Thema, ob ich Vorsitzender werden will.

Frage: Haben Sie "Nein, danke" gesagt?

Antwort: Als Regierender Bürgermeister habe ich doch schon mal zeitlich ein Problem. Wenn wir jemand Externen finden, der sich da mindestens drei Tage die Woche voll reinhängen kann, ist der schneller im Thema, als ich es sein könnte. Das ist die ehrlichere Lösung. Nach dem Rücktritt von Hartmut Mehdorn muss man außerdem Geschäftsführung und Aufsichtsrat aufeinander abstimmen.

Frage: Ist ein Eröffnungstermin 2017 trotz Mehdorns Rücktritt realistisch?

Antwort: Ja. Wenn wir so weitermachen können, wie es sich jetzt abzeichnet, können wir das erreichen. Es ist nachvollziehbar, dass 2016 der Bau beendet werden kann. Dann beginnt die Abnahme. Der Zeitraum zwischen Frühjahr und Herbst 2017 ist für die Eröffnung durchaus realistisch.

Frage: Müssen Sie eine Erweiterung planen, bevor Sie eröffnen?

Antwort: Ich bin dafür, erstmal fertigzubauen. Trotzdem müssen wir mindestens Vorbereitungen treffen, auch planerisch für die steigenden Fluggastzahlen, die sich abzeichnen.

Frage: Der Flughafen könnte Berlins Olympia-Flughafen werden. Sind Sie ein glühender Fan der Olympia-Bewerbung?

Antwort: Ich selbst bin großer Sportfan. Aber der Funke muss in der Stadtgesellschaft so richtig überspringen, gegen den Bürger werden wir das nicht machen. Olympia kann eine Chance sein. Es kann ein echtes Reform-Olympia 2024 oder 2028 werden, mit einem nachhaltigeren Ansatz, von dem die Stadt dauerhaft profitiert. Wenn die Entscheidung für Berlin fallen sollte, dann muss man sich voll reinhängen. Wir müssen aber jetzt nicht Millionen investieren, bevor der DOSB entschieden hat, ob Hamburg oder Berlin den Zuschlag bekommt.

Frage: Wie muss sich Berlin weiterentwickeln bis 2024/2028?

Antwort: Wir haben jetzt eine tolle Situation. Berlin ist weltweit geachtet und beliebt. Wir werden in einem Atemzug mit London und Paris genannt. Aber viele Dinge, die für uns wirtschaftspolitisch wichtig sind, können sich verändern. Man muss die Stadt irgendwann auch wieder neu oder anders positionieren. Die Chance, mit Olympischen Spielen eine weltweite Aufmerksamkeit zu haben, kann man sich doch nicht nehmen lassen.

Frage: Was ist die Überschrift für den Regierenden Bürgermeister Müller, wenn er 2016 zu seiner Wiederwahl antritt?

Antwort: Ich spreche immer von der solidarischen Stadt. Berlin wird wohl erstmal eine Stadt bleiben, wo wir uns nicht alles leisten können. Eine aktive Stadtgesellschaft, die Fragen der Integration, Bildung, Wirtschaft, Stadtentwicklung und Kultur miteinander gestaltet, wo der eine für den anderen eintritt, das ist mir sehr wichtig. Eine Mentalität des Wegsehens ist ein Problem.

Zur Person:
Michael Müller ist seit dem 11. Dezember Berlins Regierender Bürgermeister. Der 50-Jährige hatte sich im internen Machtkampf der Hauptstadt-SPD gegen den Landesvorsitzenden Jan Stöß und Fraktionschef Raed Saleh durchgesetzt. Müller war bereits drei Jahre lang Stadtentwicklungssenator, 8 Jahre Partei- und 10 Jahre Fraktionschef.