Noch keinen Schuss abgefeuert, aber schon hoch die Tassen. Im Dörfchen Liebertwolkwitz, südlich von Leipzig, wartet die Spitze der Zarenarmee am Stehtisch auf den Gegner. Die Bierkrüge sind groß, die Hosen eng. Alexej Danielowsk, russischer General im vollen Federschmuck, mit Oberst Alexej Arschenow.

Im wahren Leben ist der eine Hotel-Manager in Moskau, der andere Ex-Offizier und Business-Man. Aber, wenn sie losgelassen werden, dann ziehen sie über die historischen Schlachtfelder des Vaterländischen Krieges gegen Napoleon Bonaparte. "Letztes Jahr war 200 Jahre Schlacht bei Borodino." Das ist das Dörfchen bei Moskau, wo Napoleon gerade so gegen die Russen gewann. "Dieses Jahr Leipzig. Und nächstes Jahr nehmen wir dann Paris ein", lacht Oberst Arschenow ein tiefes, russisches Lachen. General Danielowsk gibt den Gockel, spricht nur französisch und lamentiert, dass er an der Napoleon-Zeit das "chevaleresque" Gehabe sehr schätze. Aber das Landbier schätzt er auch.

Das Kriegsvolk macht es nicht besser: Vorm Liebertwolkwitzer Konsum lungern Jungs von der kurmärkischen Landwehr. Sie rauchen Chesterfield und lassen die Pulle kreisen. Wann sie losstürmen? Keine Ahnung! Ihr Chef kommt noch. Was in der Pulle ist, heißt "schlesischer Landwein", schmeckt aber nach üblem Fusel.

Der sächsische Weg

Mit dem Jubiläum der Völkerschlacht, die zwischen 16. und 18. Oktober 1813 bei Leipzig ausgefochten wurde, hat mancher Leipziger seine liebe Not. Was soll man aber auch machen, wenn sich eines der größten Gemetzel aller Zeiten mit fast 100 000 Opfern zum 200. Mal jährt? Der sächsische Weg: Man veranstaltet ein gigantisches Nostalgiker-Spektakel, debattiert über Völkerverständigung und feiert den Umstand, dass man heute klüger ist.

Höhepunkt ist am Sonntag ein großes Schlacht-Nachspiel, bei dem 6000 Verkleidete aus aller Welt so tun, als wäre 1813 und Napoleon stünde vor der Tür. Dann werden 440 000 französische Soldaten im Leipziger Südraum 180 000 Russen, 160 000 Preußen, 130 000 Österreichern und 23 000 Schweden gegenüber stehen.

An den Originalschauplätzen läuft seit Mitte der Woche ein Zusammentreffen der internationalen Reenactment-Szene, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Im Kulissen-Vorort Liebertwolkwitz wurden noch schnell Zivilisten angeheuert, die für zeitgenössisches Lokalkolorit sorgen sollen. Problem dabei: Mitte Oktober 1813 stünde, streng genommen, südlich Leipzig kein Stein mehr auf dem anderen. Es würden keine rosigen Marketenderinnen Zwiebelzöpfe binden, es würden keine Kinder seilspringen, es würde kein Schneiderlein seelenruhig nähen. Nein, hier in der Gegend wäre jedes Dorf verbrannt, jede Familie vertrieben, jedes Huhn verschlungen, jede Maid geschändet. Was aber würde das Publikum dazu sagen!

Tobias Reh hat die Schnauze voll. Dem Kanal-Tiefbauer aus der sächsischen Leicht-Infanterie stecken viele Schlachten in den Knochen. Im Mai die Schlacht bei Bautzen, im August Großbeeren, im September Dennewitz. "Immer mussten die Sachsen als Verbündete den Rückzug der Franzosen absichern. "Wir wurden ja permanent zusammengeknallt", sagt er. "Und jetzt ist der Krieg im eigenen Land."

Die grüne Uniform hat Reh selbst genäht, alles von Hand. Wenn er kaputt von der Arbeit kommt, dann sagt er sich: "Los, noch 30 Zentimeter Naht." Als Kind mochte er Zinnsoldaten, später trat er einem der Leipziger Völkerschlacht-Vereine bei.

Schlacht nur ein Hobby

Ein Mummenschanz fürs Publikum, wie jetzt gerade, "das ist nur ein Drittel von unserem Hobby", beteuert der 48-Jährige. Der Rest sind Recherche und nähen, nähen, nähen. Vor Jahren hat er im Stadtarchiv von Torgau Schnittmuster für einen Uniformrock gefunden, noch echt mit Knopfrabatte und Ärmelaufschlägen. "Das war so'n richtiges Indiana-Jones-Gefühl." Aber als letzter Schütze im Franzosenheer fühlt sich der Sachse Reh nicht so wohl.

Viele seiner Kameraden sind schon zu den Alliierten übergelaufen, die ja sowieso gewinnen. Will er nicht auch rübermachen? "Das ist in der Szenerie eigentlich nicht vorgesehen", sagt er. "Aber ma guckn!"