Gerade einmal 150 Genossen aus dem Teltow-Fläming-Kreis hatten den Weg ins Dörfchen Gadsdorf, in der Gemeinde Am Mellensee, gefunden. Dort sollte des 25. Jahrestages der Wiedergründung der SPD gedacht werden. Doch die Feierlaune bei den Sozialdemokraten im Teltow-Fläming-Kreis hält sich wohl in Grenzen, seitdem ihre einstige Hochburg von der Linken-Landrätin Kornelia Wehlan regiert wird. Dabei hätte sich die Fahrt ins provinzielle Gadsdorf durchaus gelohnt. Auf der Rednerliste an diesem Abend stand nämlich auch Brandenburgs einstiger Landesvater Manfred Stolpe. Und der kann nicht nur gut reden, sondern auch eine Menge darüber erzählen, welche politischen Ränkespiele sich in den Brandenburger Anfangsjahren hinter den Kulissen abgespielt haben.

Ein heißes Thema nach wie vor ist der Hauptstadtflughafen. Um die Wahl des Standortes für Deutschlands teuerstes Infrastrukturprojekt ranken sich noch heute viele Spekulationen. Neben Schönefeld stand in der Mitte der 1990er-Jahre auch der verlassene russische Militärflugplatz Sperenberg ganz oben auf der Favoritenliste. Zeitweise schien es sogar so, als hätten Stolpe und der damalige Regierende Bürgermeister Erhard Diepgen (CDU) sich nach einem Vier-Augen-Gespräch auf Sperenberg geeinigt. Für den Standort sprach, dass die Region südwestlich der Hauptstadt im Teltow-Fläming-Kreis relativ dünn besiedelt ist. Von dem zu erwartenden Fluglärm wären dort wohl nur einige Hundert Anwohner unmittelbar betroffen gewesen.

Aus heutiger Sicht war in Sperenberg das möglich, was am BER in Schönefeld nie funktionieren wird, nämlich ein Flugbetrieb rund um die Uhr. Gegen die brandenburgische Fläming-Provinz aber sprach die relativ große Entfernung von knapp 60 Kilometern in die Berliner City und die nachgewiesen schlechte Verkehrsanbindung von Sperenberg. Die Grünen in Berlin und Brandenburg befürchteten außerdem die Zerstörung der Natur im einstigen russischen Sperrgebiet, in dem sie noch große ökologische Geheimnisse vermuteten.

Geblieben sind davon vor allem viele versteckte Altlasten, die unter dem einstigen Militärgelände wie Zeitbomben ticken. Eine wirkliche Perspektive für das riesige Areal gibt es bisher nicht. Das Ende der Standort-Diskussion ist hinreichend bekannt. Sperenberg war aus dem Rennen, obwohl das Land Brandenburg damals 1,2 Milliarden D-Mark angeboten hatte, um Sperenberg infrastrukturell anzubinden.

Heute sagt Manfred Stolpe: Die Wahl für Schönefeld habe weniger an den Argumenten und dem Widerstand von Berliner CDU'lern und Grünen gelegen. "Die hätten wir noch rumgekriegt. Aber die Hauptgegner kamen vom Bund." So habe ihm damals ein maßgeblicher Beamter, der für die Bundesregierung in dieser Sache tätig war, im Vertrauen gesagt: "Wir können nicht zulassen, dass ihr in Sperenberg einen Flughafen mit 24-Stunden-Betrieb baut. Wir haben gerade viel Geld in den Münchner Flughafen gesteckt, der darf nicht gefährdet werden."

Wer erinnert sich heute noch an den Namen Wilhelm Knittel? Der CSU-Mann aus dem bayerischen Fulda war von 1987 bis 1995 Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Er vertrat in dieser Eigenschaft Anfang der 1990er-Jahre die Interessen des Bundes bei der Standortsuche für den künftigen Hauptstadtflughafen. Der Bund saß von Anfang an mit den Ländern Berlin und Brandenburg am Tisch, wenn es um den Airport-Neubau für Berlin ging. Es ist vorstellbar, dass der Spitzenbeamte aus Bayern zwei offene Ohren für die Münchener Flughafenlobby hatte. Hinzu kommt, dass der Bund auch am Münchner Airport ebenfalls mit 26 Prozent beteiligt ist.

Die Mehrheit der Anteile von 51 Prozent hält dort aber der Freistaat Bayern alleine. Der Flughafen "Franz-Josef-Strauß" war erst 1992 in der Nähe von Freising eröffnet worden. Er liegt etwa 40 Kilometer entfernt von der Münchner Innenstadt.

Heute längst vergessen sind die Debatten von damals, als der jetzige bayerische Vorzeige-Airport zum Ziel böser Witze wurde, weil er angeblich nur aus der Luft zu erreichen sei. Sogar noch lange nach der Jahrtausendwende war die Verkehrsanbindung des Münchner Flughafens ein heiß diskutiertes Thema. Unvergessen ist dabei die legendäre Stammel-Rede des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU), mit der er für die Magnetschwebebahn Transrapid zwischen München und dem Flughafen werben wollte (siehe Video). Das heute nach Frankfurt/Main einzige internationale Luft-Drehkreuz in Deutschland nahm seinen großen Aufschwung erst mit der Entstehung der Billigflug-Airlines und dem damit verbundenen drastischen Fall der Ticketpreise.

Damit wurde das einst kostspielige Fliegen schlagartig zur Reisemöglichkeit für jedermann und zum Massenphänomen. Trotz Billigfliegern und weiterem Wachstum beim Luftverkehr dürfte der Hauptstadtflughafen BER in absehbarer Zeit kaum den Status eines internationalen Luft-Drehkreuzes erreichen. Dagegen spricht nicht nur die jetzt schon absehbaren Kapazitätsgrenzen von 27 Millionen Passagieren pro Jahr, sondern auch das angesichts der Lage des Flughafens unvermeidliche Nachtflugverbot.

Der erfolgreichen CSU-Lobby-Arbeit für den Flughafen München in den 1990er-Jahren ist es mit zu verdanken, dass der Streit um die BER-Flugrouten und nächtlichen Ruhezeiten rund um Schönefeld auch heute noch schwelt. Aber es wäre wahrscheinlich ungerecht, zu behaupten, dass der bayerische Boykott im Berliner Luftraum noch weiter geht, auch wenn jetzt mit Jörg Marks ein ehemaliger Siemens-Manager aus München die Technik-Probleme am künftigen Hauptstadtflughafen lösen soll.

BER-Chef Hartmut Mehdorn schreibt über die rasante Entwicklung des Luftverkehrs in Berlin und Brandenburg www.lr-online.de/nachrichten

Zum Thema:
Irre Summen. Der künftige Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld soll nach dem aktuellen Stand rund fünf Milliarden Euro kosten. Doch diese Wahnsinns-Summe scheint ein "Schnäppchen" zu sein im internationalen Vergleich. Nach Medienberichten soll allein eine einzige neue Startbahn am Londoner Flughafen Heathrow das Vierfache kosten. Die Airport Commision in London rechne für die dritte Start- und Landebahn des Großflughafens mit Kosten von mindestens 15,6 Milliarden Pfund. Das sind umgerechnet fast 20 Milliarden Euro oder 5,7 Millionen für jeden der 3500 Meter.Rauswurf mit Folgen. Der BER-Immobilienmanager Harald Siegle hatte von seinem Chef Hartmut Mehdorn die Kündigung erhalten, nachdem er sich mit einem Brandbrief an den Aufsichtsrat gewandt hatte. Aber Siegle wehrt sich gegen den Rauswurf. Die Verhandlung vor dem Arbeitsgericht endete jetzt mit einem Vergleichsvorschlag. Danach soll der Manager eine Abfindung von 230 000 Euro bekommen. Bis Mitte Dezember haben Siegle und die Flughafengesellschaft Zeit, dem Vergleich zuzustimmen. Sollte eine der beiden Seiten ablehnen, will das Gericht danach ein Urteil sprechen.