Die Mauer und ihre Überwindung seien ein "Symbol für Glanz und Elend deutscher Geschichte", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bei der Andacht in der Kapelle der Versöhnung. Gleich zweimal, mit Bau und Fall, habe sie sich in das kollektive Gedächtnis eingeprägt.
Die Spuren des "monströsen Irrtums" nach 1989 möglichst schnell restlos zu beseitigen, sei in bemerkenswerter Weise gelungen, sagte Lammert weiter. Dies habe allerdings auch die fragwürdige Konsequenz mit sich gebracht, dass "authentische Belege über die Mauer und was sie bedeutet hat" fehlen. Den seit Jahren anhaltenden Streit um die Zahl der Mauertoten bezeichnete Lammert als "unnötig und unwürdig". Jedes einzelne Opfer sei eines zu viel.
Die Gedenkstätte Berliner Mauer sowie die Historiker des Potsdamer Zentrums für zeithistorische Forschung beziffern die Zahl der Todesopfer derzeit auf 136. Das private Mauermuseum am Berliner Checkpoint Charlie, das 1989 noch von 191 ausging, spricht hingegen von 1303 Toten an der gesamten innerdeutschen Grenze seit 1945.
Im Anschluss an die Gedenkandacht legten neben Lammert unter anderen auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und der Vorsitzende des Berliner Abgeordnetenhauses Walter Momper (beide SPD) an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße einen Kranz nieder. In einer Schweigeminute gedachten sie der Maueropfer. Im Anschluss besuchte Lammert die Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-Haftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Nach Angaben der Gedenkstätte war dies der erste offizielle Besuch eines Bundestagspräsidenten seit Gründung der dortigen Einrichtung 1995.
Die Berliner CDU präsentierte an der Mauergedenkstätte ein großes Transparent mit der Aufschrift "Schämt Euch, Linke". Dazu gab es Zitate von Linke-Politikern, die aus CDU-Sicht die Mauer verharmlosen. Der Berliner Linken-Landeschef Klaus Lederer und Fraktionschefin Carola Bluhm legten unterdessen Kränze nieder. Die Linke war aus dem Zusammengehen der SED-Nachfolgepartei PDS und der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit entstanden.
Auch in Potsdam sowie im sachsen-anhaltischen Hötensleben nahe dem früheren Grenzübergang Marienborn wurde mit mehreren Veranstaltungen an den Mauerbau erinnert. Bei einer Gedenkfeier am Grenzdenkmal forderte der Mitbegründer der Bürgerbewegung "Neues Forum", Hans-Jochen Tschiche, einen differenzierten Blick auf die Geschichte. So dürfe nicht vergessen werden, dass die deutsche Teilung eine Folge des von den Nationalsozialisten angezettelten Zweiten Weltkrieges gewesen sei, sagte der Theologe und DDR-Bürgerrechtler.
Der scheidende Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff (SPD), kritisierte den Umgang mit der DDR-Geschichte als unehrlich. Die alleinigen Schuldzuweisungen an die SED nach der Wende 1989 seien falsch gewesen, sagte er im Deutschlandfunk. Neben der SED habe es die Nationale Front gegeben, den Zusammenschluss von Parteien und Massenorganisationen. Viele hätten es als ungerecht empfunden, "dass bestimmte Leute, die kräftig mitgemischt hatten zu DDR-Zeiten, plötzlich zu Widerständlern mutierten".
Ringstorff nannte es zudem "ziemlich gefährlich", zu bagatellisieren, dass die DDR eine Diktatur war. Darüber müsse aufgeklärt werden. Auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnte vor Geschichtsvergessenheit. "Die SED hat ja nicht nur diese grauenhafte Mauer gebaut und Millionen Menschen eingesperrt", sagte er dem Berliner "Tagespiegel". Die SED habe auch die deutsche Arbeiterbewegung gespalten und Sozialdemokraten verfolgt.
Nach einer forsa-Umfrage der Zeitschrift "P. M. History" empfinden zwar 59 Prozent der Deutschen die Wiedervereinigung als Glück. Zwölf Prozent aber halten sie für einen historischen Fehler. Zwei Drittel der Befragten gaben an, noch immer überwiege das Trennende zwischen Ost und West. Forsa befragte repräsentativ 1007 Bürger. (epd/roe)
Mehr zum Gedenken
an den Mauerbau:
www.lr-online.de/berlin