Warum ist Angela Merkel für viele Griechen so ein Feindbild?
Weil die Politik der Bundesregierung in den letzten zweieinhalb Jahren zu einseitig nur für Sparpolitik stand, die in Griechenland zu verheerenden sozialen Verwerfungen geführt hat. Und weil die Kanzlerin bis zum Sommer dieser Linie gefolgt ist. Jetzt hat sie das glücklicherweise geändert.

Sie finden die Demonstrationen also berechtigt?
Wir erleben solche Proteste ja nicht nur in Griechenland, sondern auch in Portugal, Spanien und anderen Ländern. Was sich hier ausdrückt, ist die Wut über Sparprogramme, die dem heutigen europäischen Modell nicht mehr entsprechen. Alle sollten bei ihren Protesten allerdings ein gewisses Maß einhalten.

Gibt es in der griechischen Öffentlichkeit und in den dortigen Medien niemanden, der darauf hinweist, dass nicht die Deutschen, sondern die Griechen überschuldet sind und dass nun deutsche Steuerzahler für die Rettung geradestehen sollen?
Die Griechen sehen sehr wohl, dass sie Fehler gemacht haben. Aber die Härte, mit denen man ihnen begegnet ist, die finden sie übertrieben. Die große Mehrheit der Bevölkerung sieht in Angela Merkel die Repräsentantin eines großen, wichtigen EU-Landes und freut sich auf den Besuch. Und diese große Mehrheit erwartet von der Kanzlerin Anerkennung für das, was das griechische Volk in den letzten drei Jahren trotz aller Unkenrufe schon geleistet hat.

Es geht also um Empathie, um Mitgefühl für die Griechen?
Absolut. Angela Merkel hat seit dem Sommer schon zweimal gesagt, dass ihr Herz für die Menschen in Griechenland blutet. Dass ist dort sehr angekommen. Außerdem ist wichtig, dass man sich endlich mal direkt mit den Griechen unterhält. Und nicht nur über sie redet. Das ist schon ein großer Fortschritt.

Mit Jorgo Chatzimarkakis

sprach Werner Kolhoff