Polen rückt politisch weit nach rechts. Bei der Parlamentswahl am Sonntag triumphierte die erzkonservative, in Teilen offen nationalistische Partei des Rechtspopulisten Jaroslaw Kaczynski. Ersten Prognosen zufolge erhielt die PiS 39,1 Prozent der Stimmen und wurde zur deutlich stärksten Kraft im neuen Sejm. Die liberalkonservative Bürgerplattform (PO) erlitt eine dramatische, möglicherweise existenzgefährdende Niederlage. Die PO, die unter Ministerpräsidentin Ewa Kopacz und ihrem Vorgänger, EU-Ratspräsident Donald Tusk, acht Jahre lang regiert hatte, verlor rund 16 Punkte und stürzte auf rund 23 Prozent ab.

Die Polen durften erstmals bis 21 Uhr wählen, was zu einer erhöhten Beteiligung führte. Entsprechend verzögerte sich die Stimmauszählung bis in die Nacht hinein. Noch unklar war deshalb am späten Abend, ob die PIS künftig allein regieren kann. Entscheidend dafür ist das endgültige Abschneiden der zahlreichen kleineren Parteien, die sich am Abend an der Fünf- beziehungsweise Acht-Prozent-Hürde bewegten. Letztere gilt für Listenverbindungen wie das Linksbündnis ZL, das zunächst bei 6,6 Prozent lag. Blieben die ZL und auch die Linkspartei Razem (4,9 Prozent) draußen, wäre zum ersten Mal seit der Zeitenwende von 1989 keine linke Partei mehr im Sejm vertreten.

Unterdessen standen die Chancen für Kaczynskis PiS, die Regierungspolitik in Warschau in den kommenden Jahren zu dominieren, am Abend ausgezeichnet. Nach den Prognosen kann die PiS mit 242 Sitzen rechnen. Für eine absolute Mehrheit sind 231 Mandate nötig. Intime Kenner der polnischen Politszene gehen zudem davon aus, dass es der PiS gelingen könnte, weitere 15 bis 20 Abgeordnete anderer Parteien durch Ämterversprechen zum Fraktionswechsel zu bewegen.

Dafür spricht auch, dass zu den aussichtsreichsten kleineren Kandidaten für einen Einzug in den Sejm vor allem rechte, Kaczynski nahestehende Gruppierungen zählten: die Bauernpartei PSL (Prognose: 5,2 Prozent), die traditionell als Mehrheitsbeschaffer fungiert, sowie die ultrarechte Protestbewegung des Rockmusikers Pawel Kukiz (neun Prozent). Auch der neofaschistische Polit-Provokateur Janusz Korwin-Mikke, der kürzlich im Europaparlament den Hitlergruß gezeigt hatte, lag mit 4,9 Prozent noch im Rennen. Wahrscheinlich schafft den Einzug in den Sejm zudem die liberale Partei Nowoczesna (Modernes Polen, sieben Prozent).

Wie es bei der vernichtend geschlagenen Bürgerplattform strategisch und personell weitergehen kann, ist völlig offen. Der PO droht sogar der Zerfall. Sie schaffte nur noch 133 Sitze. PO-Ministerpräsidentin Ewa Kopacz trat sofort nach Bekanntwerden der ersten Zahlen vor die Kameras und gestand mit tränenerstickter Stimme die Niederlage ein. "Wir haben acht Jahre lang ein besseres Polen aufgebaut", rief sie ihren Anhängern trotzig zu.

Kaczynski ließ sich am Abend von seinen Anhängern frenetisch feiern, an seiner Seite die Spitzenkandidatin und designierte Regierungschefin Beata Szydlo. Zudem erinnerte der Parteichef an seinen 2010 beim Flugzeugunglück in Smolensk verstorbenen Bruder Lech Kaczynski. Unter "Lech, Lech!"-Rufen seiner Parteifreunde sagte Jaroslaw Kaczynski: "Ohne meinen Bruder wären wir nicht hier." Und kurz darauf verkündete er: "Mission erfüllt."

Der umstrittene Ex-Premier, der 2006 und 2007 nach innen und außen eine konfrontative Politik betrieben hatte, hatte nach mehreren Niederlagen diesmal darauf verzichtet, das Amt des Ministerpräsidenten selbst anzustreben. Die meisten Beobachter in Warschau haben aber keinen Zweifel daran, dass der PiS-Vorsitzende künftig die Richtlinien der Regierungspolitik bestimmen wird, auch wenn seine Vertraute Szydlo als Kabinettschefin nominell das Sagen haben sollte.

Über die Gründe für den Niedergang der Bürgerplattform und die Wechselstimmung im Land war bereits viel gerätselt worden. Polen steht wirtschaftlich blendend da. Allerdings hat die PO-Regierung den Erfolg mit tiefen sozialen Einschnitten erkauft und sich dabei mit einer Aura der Kälte umgeben.