Kann man Minderheiten wie die Sorben in der Lausitz und die Deutschen in Polen überhaupt miteinander vergleichen?
Ja, Minderheiten sitzen alle in einem Boot. Wir haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Was sind das für Schwierigkeiten?
Wie alle haben wir mit dem demografischen Wandel zu kämpfen und Schwierigkeiten, Fördermittel für verschiedene kulturelle Projekte zu bekommen. Das Hauptproblem aller Minderheiten ist aber die Sprache. Die ist der Kulturträger, ob Sorbisch in der Lausitz, Deutsch in Schlesien oder Dänisch in Schleswig-Holstein. Wenn die Sprache verloren geht, besteht die Gefahr, dass Minderheiten verschwinden. In der Lausitz haben wir mit Schulschließungen zu kämpfen, es fehlen Erzieher und Lehrer, die sorbisch sprechen und unterrichten. Die Situation in Polen ist ähnlich.

Helfen sich Sorben und Polen gegenseitig?
Ja, das passiert vor allem durch Austausch und Dialog. Wir haben in Polen zum Beispiel das Witaj-Modellprojekt vorgestellt. Dass in Kindertagesstätten Erzieher ausschließlich die Minderheitensprache sprechen, war in Polen etwas Neues. Wir haben die Idee für Witaj übrigens aus der Bretagne.

Sorbisch ist eine slawische Sprache. Ist deshalb die Bindung zum Nachbarland Polen besonders stark?
Das ist schon ausschlaggebend. Sorbisch funktioniert als Brückensprache. Mein Polnisch ist ziemlich schlecht, trotzdem kann ich mich gut mit Polen verständigen, genauso wie mit Tschechen und Slowaken. Wir Sorben gehen mit unserer Sprache selbstbewusst um, auch die jüngere Generation. Man darf sich nicht wegen seiner Sprache schämen.

Werden Sie als Sorbe in der Lausitz noch diskriminiert?
Es ist selten, kommt aber immer mal wieder vor. Wenn sich beim Fußball die Spieler auf Sorbisch zurufen, kommt schon mal vom Rand eine Bemerkung wie: "Was soll das denn mit dem Sorbisch, wir sind doch alle Deutsche!" Auch wenn ich schon als Kind gelernt habe, über diesen Dingen zu stehen. Solche Äußerungen tun schon weh.

Sie reisen als Geschäftsführer der Domowina oft zu Treffen von anderen Minderheiten oder zu Vorträgen. Kürzlich waren Sie in Polen in der Nähe von Oppeln bei einem Workshop junger Aktivisten der deutschen Minderheit. Thema der Veranstaltung war "Deutschtum in Polen - Problem der Scham oder der Angst?". Was haben Sie dort erlebt?
Ich war überrascht, dass die Vorträge auf Polnisch und nicht auf Deutsch gehalten wurden. Ich habe mich mit einigen der jungen Leute unterhalten und mir Vorträge angehört. Ich hatte das Gefühl, dass es der deutschen Minderheit schwerer fällt, ihre Sprache selbstverständlich zu nutzen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Die deutsche Minderheit war unter dem totalitären System mehr oder weniger untergetaucht. Erst ab 1991 wurden sie als Minderheit anerkannt. Deutsch mussten viele erst einmal lernen. Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig war, ins Deutsche zu wechseln, wo doch viele immer nur polnisch gesprochen hatten.

Seit wann gibt es die Zusammenarbeit zwischen Sorben und Deutschen in Polen?
Seit gut 20 Jahren besteht ein intensiver Austausch. Die Zusammenarbeit findet auch in der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) statt. Das ist die Dachorganisation von 81 Minderheiten in über 30 Staaten der EU. Für das kommende Jahr planen wir eine Konferenz in Berlin. Dort soll über die Mitverantwortung der Bundesregierung für den Erhalt von Minderheitensprachen debattiert werden. Bisher engagiert sich die Bundesregierung in diesem Bereich nicht.

Was können die Sorben von der deutschen Minderheit in Polen lernen?
Für uns ist die Form der demokratischen Beteiligung interessant. Die Deutsche Minderheit sitzt im polnischen Parlament, dem Sejm. Aber für uns Sorben ist dieses Modell nicht praktikabel.

Wieso nicht?
Eine sorbische Partei hätte zahlentechnisch keine Chance. In der Oberlausitz leben etwa 40 000 Sorben, um in den sächsischen Landtag gewählt zu werden, bräuchte man etwa 25 000 Stimmen. Das ist mathematisch nicht möglich. In Polen leben dagegen etwa 300 000 Deutsche, die sind uns Sorben zahlenmäßig überlegen. Wir müssen über sorbische Kandidaten in etablierten Parteien unsere Interessen vertreten lassen. Dieser Weg war bisher recht erfolgreich.

Was sind für das kommende Jahr für Projekte mit der Deutschen Minderheit in Polen geplant?
Es steht noch eine Revanche aus. Im Eröffnungsspiel der diesjährigen Europeada in der Lausitz haben die Sorben mit 4:3 gegen die deutsche Minderheit aus Polen gewonnen. Das wollen sie nicht auf sich sitzen lassen. Es soll ein weiteres Freundschaftsspiel stattfinden.

Mit Bernhard Ziesch

sprach Juliane Preiß

Zum Thema:
Neben den Sorben leben in Deutschland Dänen, Friesen und Sinti und Roma als anerkannte nationale Minderheiten. Zusammen mit etwa 90 anderen Organisationen aus 32 europäischen Ländern sind sie unter dem Dach der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEN) organisiert. Diese wurde im Jahr 1949 gegründet. Die bis zu zwölf Millionen Sinti und Roma stellen die größte Bevölkerungsgruppe Europas. Die Deutsche Minderheit in Polen ist seit 1991 offiziell anerkannt. Die Deutsche Botschaft in Warschau schätzt die Zahl auf etwa 300 000 Mitglieder. Aktuell stellt das Wahlkomitee Deutsche Minderheit (MN) einen Sitz im Sejm, dem polnischen Parlament. Die Partei ist von der Fünf-Prozent-Hürde befreit.