Jetzt kämpft er um sein politisches Überleben: Ray Nagin, das schwarze Stadtoberhaupt der US-Jazzmetropole New Orleans, die vor einem halben Jahr fast ganz überflutet wurde und vor dem Hurrikan zu über zwei Dritteln aus Afroamerikanern bestand. Am 22. April finden hier Bürgermeisterwahlen statt, wegen der Hurrikanschäden fast drei Monate später als ursprünglich geplant und Nagin hat gleich zwei mächtige Gegenkandidaten. Der eine ist Louisianas Vize-Gouverneur Mitch Landrieu, der andere ist Ron Forman, Leiter eines Umweltinstituts. Beide sind weiß.

Schwarz meist gleich arm
Und damit hat die Wahl eine noch größere Bedeutung als ohnehin schon in dieser Stadt, die vor der gigantischen Aufgabe des Wiederaufbaus steht. Für die schwarze Bevölkerung würde ein weißer Bürgermeistersieg - der erste seit 1978 - die schlimmsten Befürchtungen bestätigen: Dass New Orleans, in der Afroamerikaner Kultur und Tradition so sichtbar geprägt haben wie in keiner anderen US-Stadt, nach Katrina auf dem Weg ist, eine Stadt der Weißen zu werden. So spielt denn die Rassenfrage in diesem Wahlkampf eine große Rolle, durchsetzen bittere Rassismus-Vorwürfe die Diskussion darüber, wer den besten Plan für den Wiederaufbau hat. Sogar der Wahltermin wurde zum Streitthema, zu einer Frage von Schwarz oder Weiß.
Der Hintergrund ist offensichtlich - wie die Fernsehbilder, die in den Tagen nach Katrinas Attacke vom 29. August 2005 rund um die Welt gingen. Es waren überwiegend Schwarze, die von dem Hurrikan vertrieben wurden, die ihre Häuser verloren - ganz einfach deshalb, weil sie in den besonders flutgefährdeten Gebieten wohnten, weil sie ärmer waren als die meisten Weißen und sich das Leben in "besseren" Stadtteilen nicht leisten konnten. Zur Erinnerung ein paar Zahlen: Von den etwa 480 000 Bürgern von New Orleans wohnten 354 000 in besonders stark verwüsteten Gebieten. 75 Prozent von ihnen waren Schwarze und 29 Prozent lebten unter der Armutsgrenze.
Das Viertel Ninth Ward liegt nach wie vor weit gehend in Trümmern, ob hier wiederaufgebaut wird, ist völlig ungewiss und damit auch, wo die einstigen schwarzen Bewohner ein neues Zuhause finden werden. Fest steht, dass sie zurückkehren möchten, wie Vertreter sagen, darunter Stephen Bradberry von Acorn, einer Gemeinde-Organisation von Familien mittleren und niedrigen Einkommens. Er teilt die Sorge, dass ein großer Teil der schwarzen Katrina-Flüchtlinge nicht wieder aufbauen kann, weil es ihnen an finanzieller Unterstützung mangelt oder sie in Gebieten wohnten, die auf Dauer für tabu erklärt werden. Damit, so sagt Bradberry, würden die Armen und Schwarzen - was in den meisten Fällen identisch ist - ausgesperrt.
Ausgerechnet Nagin hatte die Furcht noch geschürt: Eine von ihm selbst gegründete Kommission schlug unlängst vor, dass nur bestimmte Stadtgebiete neu erstehen und andere von Bulldozern für immer platt gewalzt werden sollten. Die betreffenden Einwohner selbst, so der Plan weiter, sollten darlegen, warum sie ihre einstigen Heimatgebiete weiter für "bewohnenswert" hielten. Die Empörung bei den Schwarzen war groß und Nagin beschwichtigte: New Orleans werde wieder zu einer "Schokoladenstadt" werden, das sei Gottes Wille.

Kampf um Wählerstimmen
Aber seitdem bestätigen Studien über Studien, dass die Stadt des Jazz und der würzigen Cajun-Speisen tatsächlich zur "Milchstadt" werden könnte, um in Nagins - von Weißen als rassistisch verurteilten - Bild zu bleiben. New Orleans könne 80 Prozent der schwarzen Bevölkerung verlieren, wenn die am meisten zerstörten Gebiete nicht wieder aufgebaut würden und aus Washington keine "signifikante" finanzielle Hilfe für die Heimkehr der Vertriebenen etwa aus Atlanta, Houston, Dallas oder Memphis komme, heißt es etwa in einer Analyse des Soziologieprofessors John Logon von der Brown-Universität in Rhode Island.
Weil über die Hälfte der Bürger - überwiegend Schwarze - bisher nicht zurückgekehrt ist, bangt Nagin um kostbares Wählerpotenzial. Bemühungen seiner Anhänger, Wahllokale in der Diaspora zu öffnen oder die Wahl auf noch später zu verschieben, um mehr Menschen die Heimkehr zu ermöglichen, scheiterten. Von auswärts per Brief zu wählen, ist kompliziert: Die "Versprengten" müssen erst schriftlich Wahlformulare beantragen, um sie dann auszufüllen und zurückzuschicken. "Es ist ganz klar, was hinter dieser Strategie steckt", sagt Bradberry. "Diese Stadt soll weißer werden."