Bischof Bedford-Strohm, was raten Sie Familien, bei denen es an Weihnachten regelmäßig kracht?
Ich rate ihnen, die Konflikte nicht einfach unter den Tisch zu kehren. Man sollte immer nach jener individuellen Lösung suchen, die im speziellen Fall wirklich auch passt. Es hilft dabei oft enorm, wenn man sich vorher einigt, wie man Weihnachten feiern will, und dabei versucht, die Bedürfnisse aller, die mitfeiern, zu berücksichtigen.

An Weihnachten sind so viele Menschen wie sonst nie in der Kirche. Warum kommen sie anschließend nicht wieder?
Ich finde es zunächst mal toll, dass an Weihnachten so viele Menschen in die Kirche kommen. Das sollte man auch nicht als "Weihnachtschristentum" diffamieren. Die Menschen, die in einen Weihnachtsgottesdienst gehen, sind nicht nur an schöner Stimmung interessiert. Sie verstehen, dass die Weihnachtsbotschaft etwas für ihr Leben zu bieten hat: Dass es nämlich im Leben mehr gibt als nur Materielles. Sich selbst zu suchen ist eben nicht das Einzige. Sondern es ist genauso wichtig, den Anderen, unseren Nächsten, zu sehen.

Das hilft aber nicht gegen leere Kirchenbänke.
Als Kirche müssen wir deutlich machen, welche Kraft der Gottesdienst hat - auch jenseits von Weihnachten. Dass man einmal in der Woche einfach innehält und zuhört. Dass man über sich selbst nachdenkt, sich etwas sagen lässt, und all das, was falsch läuft im Leben, vor Gott bringen kann, und dann auch Vergebung erfährt. Und dass man durch das Singen und die Musik das Herz öffnen lässt für etwas, was den Alltag übersteigt.

Einmal pro Woche eine Stunde innehalten - geht das nicht auch beim Psychologen?
Nein, zumindest nicht so, wie beim Hören auf die Botschaft des Evangeliums. Denn die Botschaft des Evangeliums analysiert nicht nur mein Leben, wie es der Psychologe tut. Das Evangelium spricht auch Heilung zu. Man darf beides sicher nicht gegenein-ander ausspielen. Psychotherapie ist sehr hilfreich, um sich selbst zu verstehen - etwa in der Frage, wie wir mit bestimmten Schuldgefühlen umgehen. Aber die Vergebung, die können wir uns selbst nicht zusprechen. Die kann uns auch kein Therapeut zusprechen. Menschen, die auf das Evangelium hören und in einer Beziehung mit Gott leben, die können die wunderbare Erfahrung machen, dass ihnen Vergebung zugesprochen wird, und sie in Frieden mit sich selbst leben können.

Zum Stichwort Frieden: Im Osten Europas ist ein neuer Krieg ausgebrochen. Was bedeutet das für Weihnachten in diesem Jahr?
Natürlich gehören die Erfahrungen von Krieg und Gewalt, die Bilder des entsetzlichen Leidens von Menschen in Europa, aber vor allem auch in Syrien und dem Nordirak zu den Dingen, die wir jetzt in das Weihnachtsfest mit hineinnehmen. Es ist wichtig, dass wir diese Bilder auch wirklich wahrnehmen. Dass wir sie nicht einfach wegdrücken. Und ich bin überzeugt, dass die Kraft, die vom Weihnachtsfest ausgeht, genau die Basis dafür ist, dass wir trotz dieser Bilder die Hoffnung nicht verlieren. Dass wir die Gewissheit haben, dass die Leidtragenden getröstet werden, und die, die mit Tränen säen, mit Freuden ernten werden, wie es in der Bibel heißt. Aus dieser Gewissheit heraus können wir den Menschen dann auch beistehen - zum Beispiel, indem wir hierzulande Flüchtlinge aufnehmen.

Das aber wollen viele Menschen offenbar nicht: In Ihrer fränkischen Heimat brennen Flüchtlingsheime . . .
Ich war kürzlich selbst in Vorra. Dort sind in der Tat im Bau befindliche Flüchtlingsheime angezündet worden. Und am Nachbargebäude fanden sich Naziparolen. Ich bin erschrocken und betroffen von dem, was da passiert ist, in dieses Dorf gekommen. Ich bin aber mit viel Hoffnung wieder weggegangen. Das lag an den Menschen, die sich vor Ort für die Flüchtlinge engagieren. Ich habe mit dem Kirchenvorstand, mit den Leuten aus Vorra gesprochen. Die Menschen in Vorra haben mir gesagt: Jetzt engagieren wir uns erst recht. Wir lassen uns nicht entmutigen.

In Dresden gehen Montag für Montag Tausende Menschen gegen Flüchtlinge auf die Straße und berufen sich dabei sogar auf das christliche Abendland.
Das ist etwas, was mir große Sorge macht. Es muss ganz klar sein, dass jegliche Form von Ausländerfeindlichkeit und pauschaler Islamophobie durch nichts zu rechtfertigen ist. Aber man muss genau hinschauen, was in diesen Demonstrationen wirklich zum Ausdruck kommt. Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie müssen wir klar zurückweisen. Aber wir müssen genau hinschauen, welche anderen Motive da noch im Spiel sind. Ich habe etwa einen Brief von einer Rentnerin bekommen, die mir genau auflistet, von wie wenig Geld sie leben muss. Und sie wendet diese Erfahrung der Knappheit gegen Menschen, die noch schwächer sind als sie, nämlich gegen Flüchtlinge.

Stehen die Pegida-Demonstrationen auf der Basis christlicher Werte?
Wer sich aufs christliche Abendland beruft, und aus dieser Motivation heraus gegen Flüchtlinge Stimmung macht, der verfehlt das, was das Christentum wirklich ausmacht. Denn Christus hat gesagt: Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Und das Doppelgebot der Liebe, Gott zu lieben und den Nächsten, ist der Kern des christlichen Glaubens. Damit ist es schlicht unvereinbar, wenn gegen Menschen oder Gruppen Stimmung gemacht wird, nur weil sie Fremde sind. Alexander Gauland, Mitglied im Bundesvorstand der AfD, hat erklärt, seine Partei habe nichts gegen Flüchtlinge, man wolle aber nur denen Hilfe zukommen lassen, die wirklich bedürftig sind. Dass Hilfe denen zukommen soll, die bedürftig sind, ist eine Banalität und allgemeiner Konsens. Die Frage ist doch, wer damit gemeint ist. Aus meiner Sicht ist es völlig klar, dass Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind ebenso wie Menschen, die Not erfahren haben und aus dieser Not hierher gekommen sind, würdig empfangen werden müssen. Und dann gibt es in einem Asylverfahren die Überprüfung, ob sie hier Asyl erhalten oder nicht. Die Tatsache, dass hier so viele Menschen leben, die auf eine Entscheidung ihres Verfahrens warten, zeigt ein klares Defizit: Aus meiner Sicht ist es dringend nötig, dass wir endlich ausreichend Asylentscheider bekommen. Die wenigen Mitarbeiter, die da sind, sind völlig überlastet. Hier besteht Handlungsbedarf.