Vor Jahren sei das noch eine ganz normale Gartenkneipe gewesen, erzählt der Ministerpräsident, „unser Verpflegungspunkt, wenn wir am Pfingstberg gewerkelt haben.“ Eine Bürgerinitiative hatte sich in den späten achtziger Jahren gegründet, um das dortige Belvedere vor dem Verfall zu bewahren. Platzeck, damals im Bereich Umwelthygiene tätig, engagierte sich.
Umweltschutz, Friedensbewegung, die Wende, der Weg in die Berufspolitik - alles hat seinen Anfang also hier am Pfingstberg. „Mit Angela Merkel war ich auch schon hier“ , erinnert er sich lachend. „Der Koch hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und bot ihr feinste Köstlichkeiten an. Und sie„ Lächelt nur und bittet um Bouletten mit Mohrrüben.“
Platzeck erzählt solche Geschichten arglos, schert sich nicht um die Sympathien, die er da der politischen Gegnerin zuschustert. Er genießt es sichtlich, hier oben zu sein. Den Wirt kennt er gut, er gehört zu diesem Umfeld aus Freunden, Vertrauten, Mitstreitern, das Platzeck braucht wie die Luft zum Atmen. Es habe ihm gut getan, nach seinem Rücktritt vom Parteivorsitz so viel Zuspruch bekommen zu haben. „Gut, dass Du wieder da bist“ , hätten die Leute gesagt oder auch: „Mensch, jetzt kann ich's Dir ja sagen, mir selbst ging's auch schon mal so.“
Den Karriereknick, den er selbst niemals so bezeichnen würde, hat er also gut verkraftet. Aus einem „Hoffnungsträger mit großer Zukunft“ ist längst jemand geworden, der an den Karrieren anderer mit bastelt. Martina Münch aus Cottbus ist so eine, deren Werdegang er mit großer Freude beobachtet. „Sie ist eine der kompetentesten Frauen, die wir in Brandenburg haben, ihr Format trägt auch über Brandenburg hinaus.“ Ihre Klugheit schätzt er, ihre Fähigkeit, auch mit Menschen zu arbeiten, die ihr emotional fern sind. „Aber als zweite von der Leyen soll sich Martina nicht darstellen. Kinder in die Politik mit reinzuziehen, das mag ich gar nicht.“

Politik heißt Kompromiss
Pfifferlinge und Kartoffeln hat sich Platzeck inzwischen bestellt, schwärmt vom neuen Restaurant-Kamin, an den man sich im Winter setzen könne wie zu Hause. „Nur, das hier eben jemand in der Küche steht und einen versorgt.“ Wobei er das selbstredend auch selbst könne, das Versorgen. „Es war mir immer wichtig, dass ich mir mein Essen selbst kochen kann und meine Hemden bügeln, damit das nie ein Kriterium wird für die Beziehung.“ Da lasse er nur die Liebe gelten. „Dass man sich in die Augen guckt und weiß, es passt.“ Das Essen kommt, das heikle Terrain der Gefühle wird verlassen, lieber spricht Platzeck darüber, wie sich sein Leben verändert hat seit den Gesundheitsproblemen im Winter ( „mehr Gelassenheit, Konzentration auf das Wesentliche“ ), wie sich überhaupt ein Mensch verändert nach Jahren in der Politik. „Die Themen, die Wurzeln, der Antrieb haben sich nicht verändert“ , sagt Platzeck, „aber natürlich lernt man immer wieder dazu.“ Ein großer Verfechter der Annäherung sei er, „denn die Welt kommt nicht voran, wenn jeder mit genau der Meinung aus einer Sitzung kommt, mit der er auch hineingegangen ist. Die Seele der Politik liegt im Kompromiss.“ Und genau diese Suche nach Kompromissen, nach Lösungen macht ihm bis heute riesigen Spaß. „Besonders bei Themen, die auf den ersten Blick wenig steuerbar aussehen. Demografischer Wandel, die Globalisierung, da denkt jeder erstmal, da kann man nichts machen. Es aber trotzdem zu versuchen, das ist das Fesselnde, die Herausforderung.“
Wie er es überhaupt für das Falscheste halte, sich zu ergeben, als Gesellschaft oder auch privat. „Man muss zumindest immer versuchen, selbst etwas zu verändern, auch wenn man auf den ersten Blick keine Chance hat.“ Das Gespräch schweift hinüber nach Babelsberg, dem Kiez in dem sich Platzeck heimisch fühlt. „Da lebt es sich wie Gott in Frankreich“ , sagt er, „da geht keiner verloren, da kümmert man sich.“ Ein Kino gibt es da, das Thalia, das trotzt allen Potsdamer und Berliner Großkinos, weil eben alle Babelsberger, wenn sie ins Kino gehen, nur in dieses eine gehen und so sein Überleben garantieren wider alle Wahrscheinlichkeit. Auch Platzeck selbst geht gern dorthin, „Sommer vorm Balkon“ hat er zuletzt gesehen und „Das Leben der Anderen“ und da ist er auch wieder bei dem, was ihm das Leben lebenswert macht und wenn er darüber spricht, dann fällt, anders als noch vor einigen Jahren, auch das Wort Gott.

Rückkehr zum Glauben
Als Enkel eines Pfarrers sei er mit der Religion aufgewachsen, „mit Tischgebet und allem drum und dran“ und dann irgendwann abgefallen vom Glauben. „Aber mit einem guten Freund, der Pfarrer war in Babelsberg, habe ich über die Jahre immer wieder intensive Gespräche über theologische Fragen geführt.“ Die Sache mit dem Glauben sei ja noch eine sehr private, da er aber auch das soziale Engagement der Kirchen sehr schätze, musste er sich auch der Frage stellen, wie sich eine Kirche ohne Mitglieder denn noch engagieren könne. „Also bin ich vor ein paar Jahren wieder eingetreten“ , sagt er und wirkt sehr zufrieden mit seinem Leben.
„Was er denn in ein paar Jahren sein möchte““ „Na, hoffentlich doch glücklich“ , lautet die verblüffend schlichte Antwort. Um aber nicht ganz so im Vagen zu verbleiben, wird der Ministerpräsident dann doch noch konkret: „Natürlich werde ich 2009 wieder antreten in Brandenburg.“