Herr Almekias-Siegl, welchen Gefühlen gehen Sie dem 9. November entgegen?

Mit traurigen. Denn ich habe manchmal das Gefühl, dass alle Gottesdienste und Zeremonien, die wir machen, umsonst sind. Es ist ja eine Tatsache, dass sich die Geschichte wiederholt. Erst kürzlich haben Rechtsradikale in Dresden unseren Friedhof beschädigt, vor zwei Jahren ein Hakenkreuz an unsere Synagoge geschmiert. Deswegen glaube ich manchmal: Das ganze Gedenken bringt doch gar nichts. Wir sollten am 9. November alarmieren und weiter gedenken.

In einem Interview vor zehn Jahren haben Sie erzählt, dass Sie in Angst leben vor antisemitischen Attacken und Polizeischutz brauchen. Wie geht es Ihnen heute?

Ich stehe seit vier Jahren nicht mehr unter Polizeischutz. Aber der Antisemitismus ist in Sachsen immer noch ein großes Problem, das sich auch darin zeigt, dass die NPD nach wie vor im Landtag sitzt. Ich habe zwar keine Angst mehr, in die jüdische Gemeinde zu fahren oder in der Öffentlichkeit zu singen. Aber ich kann meine Kippa nicht so einfach auf der Straße aufsetzen. Ich lebe immer mit der Angst, dass mich jemand angreift.

Hat sich denn etwas getan, seit Sie 1998 sächsischer Landesrabbiner geworden sind?

Wir haben große Schritte gemacht. Die Deutschen betrachten uns heute, auch weil sie sich für ihre Geschichte schämen, als einen Bestandteil ihrer Kultur. Uns unterstützen viele Politiker, vom Innenminister bis zum Polizeipräsidenten. Ich muss die sächsische Regierung loben, sie ist wachsam und hat offene Ohren. Wenn ich gegenüber einem Minister einen Wunsch äußere, bekomme ich meistens gute Resonanz. Ich fühle mich wohl in Sachsen. Trotzdem muss man als Jude gerade in ländlichen Regionen und Kleinstädten vorsichtig sein, denn da leben viele Neonazis.

Vor kurzem hat ein Landtagsabgeordneter der NPD kritisiert, die Gedenksteine zum 9. November im Fußweg seien unnütze „Stolperfallen“. Für wie gefährlich halten sie die NPD?

Die NPD hat auch schon die Anfrage gestellt, wie viele öffentliche Gelder jüdische Gemeinden bekommen und was sie mit dem Geld machen. Das ist natürlich ein böses Zeichen, aber im Moment habe ich keine Angst vor der NPD, sie töten ja niemanden. Aber wenn ich an den 13. Februar denke und wie die Neonazis da in Dresden marschieren, das finde ich natürlich unangenehm. Es zeigt mir: Die NPD erscheint zwar immer ungefährlich, kann aber immer gefährlich sein. Da müssen wir wachsam sein. In der Linkspartei dagegen sehe ich momentan keinen deutlichen Antisemitismus. Ein Gregor Gysi, der selbst aus einer jüdischen Familie kommt, kann es sich ja auch nicht leisten, über die jüdische Bevölkerung schlecht zu reden, da würde er sich lächerlich machen.

Wie bewerten Sie denn die „Stolpersteine“, durch die man als Fußgänger ja jeden Tag an den 9. November erinnert werden kann?

Ich finde es nicht schlecht, dass es Leute gibt, die an uns denken, die diese Stolpersteine in den Fußweg gebracht haben. Aber ich bin nicht für die Stolpersteine. Denn das ist kein Gedenken, wenn ich mit dem Fuß über etwas laufe. Man hätte ja auch ein Schild an einen Baum oder ein Haus machen können.

Wünschen Sie sich, dass der 9. November in zehn Jahren kein Gedenktag mehr, sondern ein ganz normaler Tag ist?

Ja. Ich wünsche mir, dass der 9. November sogar schon ab nächstem Jahr ein normaler Tag sein wird und keine Reden, Chöre oder ökumenische Gottesdienste mehr stattfinden.