1936 nutzte Adolf Hitler die Olympischen Spiele als Bühne für die Selbstinszenierung einer Diktatur. Spricht das gegen Spiele in Berlin?
Es ist nicht die Geschichte, die gegen Olympische Spiele in Berlin spricht. Natürlich kann man das machen. Aber dann muss man die Geschichte unbedingt mit einbeziehen. Das fehlt mir. In den veröffentlichten Vorbereitungsunterlagen des DOSB zur Olympiabewerbung tauchen Geschichte und Tradition nur als Floskeln auf. Und dann sagt zum Beispiel Gregor Gysi, dass er gern andere Bilder von Olympischen Spielen in Berlin sehen will als die mit Adolf Hitler. Das ist menschlich verständlich. Aber problematisch, wenn sich weder Berlin, noch DOSB und IOC mit Bildern und Realitäten von damals tiefer beschäftigen.

Sie halten das für Absicht?
Ich vermute eine bewusste Vermeidungsstrategie. Alle drei Gruppen loben die sogenannten olympischen Werte - und wollen auf die Vergangenheit nicht eingehen. Man kann das Verharmlosung nennen, vielleicht ist es auch nur Ignoranz. Und das IOC scheint jede öffentlichkeitswirksame historische Debatte zu meiden. Ob Sport und Menschenrechte wirklich zusammengehören und ob das in der Praxis tatsächlich eine Rolle spielt - diese Fragen stellt dort öffentlich niemand.

Was erwarten Sie?
Offene Diskussionen. Zum Beispiel über die Neigung des IOC, auch mit autoritären Regimen zusammenzuarbeiten - wenn es darum geht, Spiele zu finanzieren. Was war letztes Jahr mit den Winterspielen in Sotschi? Unmittelbar danach begann Putin mit der Annexion der Krim. Das IOC redet von Frieden und Völkerverständigung. Aber immer, wenn es hart auf hart kommt, will es wohl für diese Ziele gar nicht einstehen. Deswegen ist für mich die Geschichte von 1936 relativ nah.

Mit Ralf Schäfer

sprach Ulrike von Leszczynski