Tierpfleger Frank Schellhardt aus dem Zoo Leipzig ist sich sicher: "Unsere Affen sind die cleversten." Bei der Frage, wie man mit einem Stöckchen eine Rosine aus einem durchlöcherten Holz pult, mache den 48 Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans keiner was vor. Die Affen sind trainiert im Umgang mit Werkzeugen, denn sie wirken täglich an der Forschung mit. Sie leben im Pongoland, einer Gemeinschaftsanlage des Zoos mit dem Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie. Vor 15 Jahren wurde das Pongoland eröffnet - und ist bis heute einzigartig auf der Welt.

"Wir machen dort reine Verhaltensforschung", sagt Wissenschaftler Daniel Hanus. Die nächsten Verwandten des Menschen werden in Experimenten vor Probleme gestellt - und sollen sie lösen. Das kann eine Nuss sein, die sie aus einer Röhre holen sollen. Oder es wird getestet, wie teamfähig die Affen sind. "Uns interessiert die soziale Kognition, also: Was verstehen sie von anderen Affen? Und die physikalisch-technische Kognition: Wie reagieren die Affen auf ihre unbelebte Umwelt?" 150 Publikationen haben die Wissenschaftler in 15 Jahren herausgebracht - und dabei auch einiges bis dato Unbekanntes über Menschenaffen zutage gefördert.

Jeden Tag, von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr, werden die Tiere zur Forschung gebeten. Alles freiwillig, wie Hanus und Schellhardt betonen. Die Räume der Forscher liegen hinter den Gehegen. "Wir machen die Tür auf und hoffen, dass die Tiere reinkommen", sagt Hanus. Natürlich wissen die schlauen Affen, dass eine Belohnung winkt: eine Traube, eine Banane, ein leckerer Fruchtjoghurt. "Meistens ist es dann umgekehrt: Wir haben Schwierigkeiten, die Affen aus dem Testraum wieder rauszukriegen", erzählt Hanus.

Forscher und Tierpfleger arbeiten Hand in Hand. "Wir helfen, das Testmaterial mit aufzubauen, die Affen zu separieren, auch mal ein Tier abzulenken", sagt Schellhardt. Die Finanzierung des Pongoland-Betriebs teilen sich das MPI und der Zoo hälftig.

80 bis 90 Studien pro Jahr

Schellhardt arbeitet seit 1972 im Zoo Leipzig - und hat mit den Menschenaffen schon viel erlebt. Als er anfing, gab es zwei 33 Quadratmeter große Innengehege und einen 24 Quadratmeter großen Außenkäfig. Jetzt haben allein die Schimpansen 4000 Quadratmeter Außengelände. Das gesamte Pongoland ist 30 000 Quadratmeter groß. "Es waren andere Zeiten früher", schildert Schellhardt.

Der Kontakt zu den Tieren war damals viel enger. "Wir saßen in der Affenfamilie drin und haben den Müttern gezeigt, was sie mit dem Baby machen sollen", sagt Schellhardt. Jetzt ist auch für die Pfleger vor der Glasscheibe Schluss, wenn die Affen drinnen toben. Trotzdem: Eine Begrüßung muss sein. Schellhardt hockt sich auf eine Bank vor den Orang-Utans. Bald kommt Bimbo (35) und guckt Schellhardt an. "Wir sind so wie Freunde", sagt der 60 Jahre alte Pfleger und klopft leicht an die Scheibe. "Komm, Bimbo - Männergespräche führen."

Für die Max-Planck-Forscher sei das Pongoland eine einzigartige Möglichkeit, Daten zu sammeln, sagt Koordinator Hanus. "Wir können Konstellationen schaffen, zum Beispiel mit dominanten und weniger dominanten Tieren, wie sie das im Freiland kaum antreffen." Derart kontrollierte Bedingungen seien in der Wildnis nicht möglich. "Wir bekommen in einer Woche so viele Daten wie andere in zwei Jahren."

80 bis 90 Studien laufen pro Jahr im Pongoland, 30 Forscher aus aller Welt sind dort ständig unterwegs. Nicht alles klappt. Die Forscher wollen keine negativen Ergebnisse provozieren. "Wir versuchen vor jedem Test sicherzustellen, dass die Affen die Aufgabenstellung überhaupt verstehen", sagt Hanus. Dafür muss dann vorab auch schon mal ein Wissenschaftler ran: Wenn er den Versuchsaufbau schon nicht begreift, dann wird damit auch kein Affe konfrontiert.

Lob vom WWF für die Anlage

Der Zoo und das MPI betonen, dass viel Wert auf Tierschutz gelegt werde. Bestätigung bekommen sie vom WWF (World Wide Fund For Nature). "Als Artenschutzorganisation ist für uns die Haltung von Tieren in Gefangenschaft natürlich nicht das Hauptanliegen. Aber wir denken, dass das Pongoland von allen Zoos eine der besten Einrichtungen für die Menschenaffenhaltung ist", sagt WWF-Koordinatorin Livia Wittiger. Die Anlagen seien großzügig, die Tiere würden gut beschäftigt. Zoos könnten durchaus Botschafter für den Artenschutz sein - wenn die Haltung stimme.

In 15 Jahren haben die Forscher einiges herausgefunden, was vorher unbekannt war. Zum Beispiel, dass Affen Flüssigkeiten als Werkzeug zu nutzen wissen. Dabei sei er selbst überrascht worden, erzählt Hanus. Eigentlich hatte er einem Affen verschiedene Hebelwerkzeuge in die Hand gedrückt, damit er an eine Nuss in einer Röhre kommt. Doch der Affe wusste: Die Nuss schwimmt. Also spuckte er so lange Wasser in die Röhre, bis die Nuss oben trieb. In Afrika wiederholte Hanus das Experiment. Dort mühte sich ein Affe nicht lange mit dem Spucken ab - er pinkelte in die Röhre.