Anfangs war Ursula Fritzsche schlichtweg enttäuscht. Dass, was sie da las, "das war einfach platt”, stöhnt die neue Chefin des SPD-Unterbezirks Nordsachsen. Sätze wie: "Wir wollen Sachsen voranbringen. Und wir wollen dafür sorgen, dass auch alle mitkommen. Das ist Fortschritt. Das ist Gerechtigkeit", hauten die 61-jährige Gewerkschafterin alles andere als vom Hocker. Doch dann fand sie irgendwie doch noch Gefallen an Duligs 14-seitiger Polit-Lyrik: "Es ist ja nur ein erster Entwurf, der eine Diskussion anstoßen soll. Und das hat er geschafft", sagt Frau Fritzsche nun großzügig - auch wenn das Papier weder die Aufarbeitung der letzten Wahlschlappen ordentlich leiste noch den neuen Kurs klar bestimme. Und der steht für Fritsche fest: "Wir sind eine linke Volkspartei mit Wurzeln in der Sozialdemokratie", sagt sie und setzt nach: "Aber wir haben die Arbeitnehmer-Politik zuletzt vergessen." Solche Fehler einzugestehen gehöre zur Selbstkritik und zur Glaubwürdigkeit der Partei dazu. Damit komme man aus der "Lahmflüglichkeit” heraus, da mache es wieder Spaß, SPD-Mitglied zu sein. Prompt wurde Fritszche in die Redaktion für den Leitantrag geholt, den sie nun mit formulieren soll.Die Gewerkschafts-Perspektive dürfte allerdings nicht allen Genossen gefallen. Fritzsches Leipziger Parteifreund Michael Clobes zum Beispiel. Dem Anwalt und SPD-Vorsitzenden in der Messestadt kamen nach der Leitantrag-Lektüre ganz andere Gedanken: Die Verantwortung der SPD für die Wirtschaft und die Industrie sei "noch viel zu unkonkret", sagt Clobes. "Wir brauchen bessere inhaltliche Aussagen zum Bestand der sächsischen Wirtschaft." Und in diesem Punkt sind sich die Genossen aller Flügel wieder einig: Für deutliche Worte sei das Papier einfach noch "zu dürftig". "Macht's klar, macht's kurz, macht's knackig", lautet auch die Ansage der Dresdner SPD-Chefin Sabine Friedel. "Wir haben Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren, und wir müssen die Ursachen auch beim Namen nennen: Hartz IV, Rente mit 67, Mehrwertsteuererhöhung", sagt Friedel. Gerade zur Gerechtigkeit müsse die SPD wieder klare Positionen einnehmen: Dass sich soziale Ungleichheit nicht über Generationen verfestigten darf, dass Menschen, die nicht auf den Arbeitsmarkt passen, nicht links liegen bleiben. Und dass für den Klimaschutz ein Szenario zum Ausstieg aus der Braunkohle entsteht. Die Zehn-Prozent-Partei fühle sich oft klein und schwach, sagt Friedel. Doch zehn Prozent hin oder her: "Man ist immer so klein, wie man sich macht.” Nun aber gebe es immerhin eine neue Lust, die Neuaufstellung der Partei mitzugestalten.In den vergangenen zwei Wochen hatten etwa 300 Genossen landesweit sechs Regionalforen besucht. Am Freitag tagt nun der Landesvorstand, danach erneut die Ortsvereine. Im Juni soll letztlich ein Parteitag beschließen, wohin die Reise geht. Dulig hatte in seinem Papier den "dramatischen Vertrauensverlust" der SPD eingeräumt. Dennoch gebe die SPD ihren Anspruch, Volkspartei zu sein, nicht auf.