"Weil wir zusätzlich öffnen, haben die Leute nicht mehr Geld und geben mehr aus", beobachtet die stellvertretende Filialleiterin einer Aachener Drogerie. Sonntags sei der Laden zwar voll, doch es streiften größtenteils "Laufkunden" durchs Geschäft. "Aber man passt sich halt an, damit man nicht zurücksteht."

Länder können entscheiden
Vier Sonntage im Jahr dürfen die Geschäfte laut Gesetzgeber öffnen. Mit der Föderalismusreform im vergangenen Jahr steht es den Bundesländern allerdings frei, wie eng sie die Ladenöffnung auslegen. "Wir beobachten immer mehr Ausnahmen vom grundsätzlichen Verbot der Sonntagsarbeit und eine um sich greifende, sinnlose Sonntagsöffnung von Einzelhandelsgeschäften", kritisiert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber.
Weil alle Appelle der Kirchen und Gewerkschaften nach einem flächendeckenden Verkaufsverbot bislang verhallten, startete die EKD in dieser Woche eine bundesweite Plakataktion für den Sonntagsschutz (die RUNDSCHAU berichtete). Unter dem Motto "Gott sei Dank, es ist Sonntag" sind Familien auf der grünen Wiese oder Kirchtürme unter blauem Himmel zu sehen. "Der Sonntag ist als Tag des Gottesdienstes, der Muße und Besinnung zu erhalten", fordert Huber. Der Mensch dürfe nicht vorrangig als Konsument wahrgenommen werden. Getreu dem Motto: "Leben ist mehr als Shoppen."
Ruth Maus stimmt der Ansicht der Kirchen zu. Sonntagsarbeit sei "sehr unsozial und familienfeindlich", sagt sie. Dennoch ist sie prinzipiell dafür, denn "es gibt genug Leute, die arbeitslos sind und einen Job brauchen".
Mehr Arbeitsplätze durch mehr Shopping - diese Rechnung ist laut Gewerkschafterin Liselotte Hinz aber bislang nicht aufgegangen. Seit dem Jahr 2000 seien bundesweit 252 000 Vollzeitarbeitsplätze vernichtet und das Arbeitsvolumen um 13,2 Prozent verringert worden, rechnet die Landesfachbereichsleiterin Handel bei verdi Nordrhein-Westfalen vor. Während der Umsatz im Einzelhandel seit Jahren stagniere, seien die Verkaufsflächen um neun Millionen Quadratmeter erhöht worden.
"Die logische Folge ist ein ruinöser Verdrängungswettbewerb", kritisiert Hinz. Leidtragende seien viele mittelständische Firmen und das Personal, das trotz niedriger Tarifeinkommen stetig abgebaut werde. "Ein Drittel aller Arbeitsplätze sind heute Minijobs." Von den Beschäftigten werde eine hochflexible Teilzeitarbeit verlangt, für die es an Sonntagen und Samstagen mit Öffnungszeiten bis 22 Uhr bis zu 100 Prozent Zuschläge gebe.
Beim Aachener Kaufhof ist die Sonntagsarbeit daher sehr beliebt, erzählt Geschäftsführerin Dorothee Uhle. "Unsere Beschäftigten arbeiten sonntags auf freiwilliger Basis und es kommen eher zu viele als zu wenige zum verkaufsoffenen Sonntag." Uhle erklärt sich das starke Interesse aber nicht nur mit Zuschlägen und Freizeitausgleich, sondern auch mit der "festlichen Stimmung". "Die Mitarbeiter ziehen sich besonders schick an und der Kunde steht absolut im Mittelpunkt." Alle hätten mehr Zeit füreinander, beobachtet Uhle.

Wichtig für Kundenbindung
Diese Shoppingatmosphäre sieht auch Rainer Gallus vom Rheinischen Einzelhandelsverband NRW als großes Plus des verkaufsoffenen Sonntags. "Mehr Umsatz machen die Geschäfte an diesem Tag meistens nicht", weiß er. "Aber diese Tage sind wichtig für das Image und die Kundenbindung." So sehen es offenbar auch die Passanten in der Aachener Innenstadt. "Ich gehe gerne ab und zu sonntags bummeln", erzählt die 40-jährige Gabi Breuer. "Aber dass die Geschäfte generell sonntags offen sind, ist wirklich nicht nötig."