Nur 26 Jahre nach seiner Fertigstellung 1933 erfasste es die Denkmalbehörde, 1978 wurde das Haus unter Schutz gestellt. Teilnehmer an Fachexkursionen aus der ganzen Welt besuchen das kuriose Bauwerk und kommen dabei immer wieder ins Staunen.
Zehn Minuten vom Löbauer Zentrum entfernt, führt die kleine Kirschallee zur "Schminke-Villa", wie sie von den Einwohnern liebevoll genannt wird. Doch "eine Villa ist das Haus nicht", stellt Katrin Schenk klar. Das Gebäude sei als modernes Familienhaus konzipiert worden. Die 22-Jährige leitet seit Februar dieses Jahres das Denkmal. Die ungewöhnlich junge Chefin passt zu dem ungewöhnlichen Gebäude, das auch 73 Jahre nach seiner Fertigstellung nicht an Faszination verloren hat und noch immer als zeitgemäßes und modernes Wohnhaus gilt.
Der Fabrikbesitzer Fritz Schminke (1897-1971) wollte ursprünglich Kapitän werden und beauftragte deshalb den Architekten Hans Scharoun, als Grundmotiv ein Schiff zu verwenden. Scharoun setzte die Vorgabe in für seine Zeit sehr moderner Art und Weise um.

Räume fließen ineinander über
Da die Frau des Bauherren, Charlotte Schminke, Depressionen hatte, sei es dem Familienvater vor allem darauf angekommen, in großen Räumen mit viel Licht zu wohnen. Entstanden ist ein familiäres, offenes Haus, indem auf einer Fläche von 500 Quadratmetern die Räume ineinanderfließen. Die Zimmer des Stahlskelettbaus sind alle nach Süden ausgerichtet, sodass sie die Sonnenwärme aufnehmen. Das großräumig angelegte Haus mit seinen 18 Zimmern hat nur wenig starre Abgrenzungen und besticht durch seine Wandelbarkeit. Durch Schiebetüren und Vorhänge, anstatt fester Zwischenwände, konnten die Raumachsen beliebig verschoben werden. Vom Treppenhaus bilden das Kinder- und Wohnzimmer eine Einheit mit dem Wintergarten. Hier schließt sich der Balkon an, der zu jeder Tageszeit von der Sonne angestrahlt wird. Glasfenster in der Decke geben zusätzlich Licht. Die gesamte Einrichtung war trotz ihrer vielen Raffinessen sehr einfach und praktisch, ohne viel Schnörkel gestaltet. Das Haus ist genauso breit, wie der nach beiden Seiten mit Fenstern ausgestattete Wohnbereich. Hier stand früher ein vier Meter langes Sofa, damit alle Familienmitglieder gemeinsam darauf Platz nehmen konnten. "Das Sofa soll irgendwo an der Nordsee sein, wird hier in Löbau erzählt", lächelt Katrin Schenk.
Die Fensterbänke sind breit, bieten Platz für zahlreiche Pflanzen. "Früher waren sie komplett mit Blumen zugestellt", weiß Schenk von alten Bildern. Die Natur und das Licht spielten für Schminkes eine zentrale Rolle bei der Konzeption des Gebäudes. „Das Haus sollte der Natur zugewandt sein“ , sagt Katrin Schenk. Durch die zahlreichen Fenster und den angrenzenden Garten mit seinen Bäumen und den beiden Teichen, die derzeit saniert werden, ist das Haus direkt in die Umgebung integriert. "Früher waren die Wände außerdem sehr farbig gestaltet", weiß Katrin Schenk von alten Bildern und Unterhaltungen mit einer Tochter der Familie. So sei die Decke zum Beispiel orange und die Küche blau angestrichen gewesen. Vor den Fenstern hingen gelbe Vorhänge. "Während der Restaurierung 1999/2000 wurden alle Wände weiß gestrichen", bedauert die Chefin des Hauses. Für Familie Schminke waren vor allem die Bedürfnisse ihrer vier Kinder von Bedeutung. Helga, Erika, Gertraude und Harald bekamen ihren eigenen Eingang und gelangten durch aufklappbare, extra große Fenster direkt in das Kinderzimmer. Der Spielbereich wurde nicht zufällig in der Mitte des H auses, zwischen Küche und Wohnraum angelegt.
Im Obergeschoss befinden sich die Schlaf- und Fremdenzimmer, die gleichzeitig Platz für Privatsphäre boten. Eine Foto-Ausstellung der Familie lässt erkennen, wie das Wohnhaus während der 30er-Jahre eingerichtet war. Das Bad, ausgestattet mit einer Wanne und Dusche, liegt direkt neben den Schlafzimmern der Kinder und Eltern. Heute können Besucher des Hauses im ehemaligen Schminke-Schlafzimmer übernachten, von wo aus auch der Balkon zu erreichen ist. Hier führt eine große Treppe, ähnlich einer Reling, in den Garten.

Nur zwölf Jahre lang ein Wohnhaus
Schminkes bezogen 1933 das Haus in der Kirschallee. Als der Krieg 1945 zu Ende war, enteignete die Rote Armee das Gebäude, während die Familie nach Niedersachsen floh. Nach der Rückgabe 1946 eröffnete Charlotte Schminke ein Erholungsheim für bombengeschädigte Kinder, das bis zum Frühjahr 1951 Bestand hatte. Danach zog die FDJ in das Gebäude ein, später wurde es bis zur Wende als Kreis-Pionierhaus genutzt. „In dieser Zeit sind große Schäden entstanden“ , weiß Katrin Schenk aus dem Studium der alten Unterlagen. Dabei wurden Tapeten abgerissen, Lampen und der Kamin zerstört. Erst 1999 ist das Haus für 2,8 Millionen D-Mark komplett saniert und im Dezember 2000 anschließend als Kultur- und Freizeitzentrum wiedereröffnet worden. Nachdem der Förderverein 2005 den Nutzungsvertrag kündigte, fiel die „Schminke-Villa“ im Februar dieses Jahres an Löbau zurück. Seitdem betreibt die Stadt das Haus wieder selbst.

Haus soll mit Leben erfüllt werden
„In Zukunft sollen hier Workshops, Seminare, Ausstellungen, Buchlesungen und Konzerte stattfinden“ , schaut Schenk voraus. Im Keller befindet sich bereits eine Keramikwerkstatt, die zweimal wöchentlich genutzt wird. Doch momentan ist es noch sehr ruhig im Haus und die Besucher können ungestört die vie-len Details des modernen Denkmals bewundern.

Service Haus Schminke
Adresse: Das Haus befindet sich nur zehn Gehminuten vom Löbauer Zentrum entfernt, in der Kirschallee 1b. Telefon: (035 85) 86 21 33.
Öffnungszeiten: Dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr.
Eintrittspreise: Erwachsene 3,50 Euro, Ermäßigt 2,50 Euro. Kinder bis 14 Jahre Eintritt frei.
Buchtipp: „Scharoun. Haus Schminke. Die Geschichte einer Instandsetzung“ , Sondereinband: 216 Seiten, 2002.
Internet: www.hausschminke.de