Cristina Barbu versucht zu lächeln. Es wirkt angestrengt. Für die 39-Jährige ist es nicht leicht, von jenem 17. Dezember 1989 zu sprechen, als ihre Zwillingsschwester Luminita von einer Kugel ins Herz tödlich getroffen wurde. Die damals 13-Jährige wurde erschossen von regimetreuen Sicherheitskräften, die im westrumänischen Temeswar (Timisoara) das Feuer auf die Gegner des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu eröffnet hatten. Luminita Botoc war inmitten einer Demonstrantengruppe, die auf einen Militärstützpunkt an der breiten Ausfallstraße Calea Lipovei zumarschierte. Viele Temeswarer erinnern sich auch an das merkwürdige, eher für einen Sommerabend typische Gewitter, das kurz nach diesem Massaker das Blut von den Straßen wusch.

104 Todesopfer jener Revolutionstage bei den Zusammenstößen der Demonstranten mit Soldaten, Polizisten und Geheimdienstleuten wurden allein in Temeswar ermittelt. Die meisten von ihnen waren einfache Arbeiter. 44 dieser Toten wurden auf Geheiß von Ceausescus Ehefrau Elena heimlich in die Hauptstadt Bukarest gebracht und dort verbrannt - das untergehende Regime wollte damit die eigenen Verbrechen vertuschen. Landesweit lag die Zahl der Revolutionstoten bei 1142. Am Ende starben auch Nicolae und Elena Ceausescu - hingerichtet von einem Erschießungskommando der Revolutionäre.

"Kommt mit uns, kommt mit uns", hatten die Demonstranten bei ihrem Marsch durch das Wohnviertel der Zwillingsschwestern gerufen. Der Vater, ein Bauarbeiter, hatte seinen neugierigen Töchtern nur erlaubt, der Demo vom geschützten Hauseingang aus zuzuschauen. Doch Luminita, die energischere der beiden, zog mit den Rebellen mit. Cristina blieb zu Hause. Nachbarn sahen Luminitas Leiche nachher nicht weit vom Wohnhaus entfernt liegen. Im Revolutionschaos verschwand die Leiche zunächst - sie wurde erst am 14. Januar 1990 in einem Temeswarer Massengrab gefunden. Wer genau sie erschossen und wer sie dort verscharrt hat, ist bis heute nicht aufgeklärt.

Auslöser des blutigen Protests war Unmut der kalvinistisch- protestantischen Gläubigen wegen einer drohenden Versetzung des Pastors Laszlo Tökes - hinter der man Machenschaften des Regimes vermutete. Vor Tökes' Haus begannen am 16. Dezember Kundgebungen, die sich zum Aufstand gegen Ceausescu entwickelten.

Am 17. Dezember fielen die ersten Schüsse in Temeswar. Ceausescu persönlich hatte am selben Tag den Schießbefehl gegeben. Dies ist im Stenogramm einer Telefonkonferenz des Diktators mit der kommunistischen Parteiführung nachzulesen. Ceausescu rügte dabei die Ordnungskräfte für aus seiner Sicht zu lasches Vorgehen: "Ihr habt auch die andere Wange hingehalten, wie Jesus Christus!"

Cristina kann sich nicht an politische Diskussionen zu Hause erinnern, wohl aber an die kommunistische Mangelwirtschaft: "Wir hatten nie Süßigkeiten, wir hungerten. Wenn es mehr zu essen gegeben hätte, wäre es nicht zur Revolution gekommen." Cristina könnte jetzt als Lehrerin arbeiten, aber sie zieht ihren besser bezahlten Job in der Kantine der Reifenfabrik Continental vor. Zwölf Jahre war sie mit ihrem Mann in Spanien - sie als Putzfrau, er als Bauarbeiter. Von dem dort verdienten Geld haben sie sich in ihrer Heimatstadt ein Häuschen gebaut. Hat sich der Kampf für die Freiheit vor 25 Jahren gelohnt? "Ich weiß es nicht", sagt Cristina. Eine Temeswarer Straße trägt heute den Namen ihrer Schwester. Ein Trost ist das nicht.