Auf einem der getrockneten Blätter kauend, sagt der 45-Jährige: "Das hier ist keine Droge, das ist ökologisches Koka." Für die Kokabauern aus Yamacachi in den Südyungas Boliviens gibt es keine Alternative zu der grünen Pflanze - im Gegenteil: Wie viele "Cocaleros" fordern sie eine Aufhebung aller Anbaubeschränkungen und Zugang zu den Märkten der Welt. Seit drei Monaten ist ihr Anführer auch der Präsident des Andenlandes. Und als solcher muss Evo Morales den Konflikt mit den internationalen Geberländern lösen, die das Kokablatt als Droge ächten und den Handel mit dem daraus hergestellten Kokain unterbinden wollen.
Koka sei ein Heilmittel, es wirke gegen Bauchschmerzen und gebe Durchhaltevermögen, sagte Callapas Frau Juliana Luna Poma. Die sechsköpfige Familie lebt vom Kokaanbau und eines Tages werden die Kinder die Tradition fortführen. Alle drei Monate kommt die Familie mit ihrer Ernte zum legalen Kokamarkt von La Paz; vier Säcke sind es pro Fahrt, schätzt die Frau. Für einen 25-Kilogramm-Sack erhalten sie 200 Bolivianos (rund 20 Euro). Das ist nicht viel, sagt die 40-Jährige - zumal noch drei bis fünf Mitarbeiter bezahlt werden müssten. "Aber wenn wir kein Koka anbauten, könnten wir nicht überleben."
"Kokain nein - Koka ja" - das ist die offizielle Linie der Regierung unter dem ersten Indianer an der Spitze Boliviens. Die Vorgängerregierung legte fest, dass jede Familie ein Cato Koka anbauen darf, das sind 1600 Quadratmeter. Für den traditionellen Bedarf der Indianer, die seit Jahrhunderten Kokablätter als anregendes, Hunger und Durst linderndes Mittel kauen. Schätzungen zufolge wird etwa das Doppelte des offiziell Erlaubten angebaut. Nach Kolumbien und Peru ist Bolivien der drittgrößte Kokaproduzent der Welt.
Bei seinem Treffen mit Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) am Wochenende in La Paz war sich Morales mit dem deutschen Gast einig, dass der Rauschgifthandel bekämpft werden müsse. Doch er bekräftigte auch die Forderung seines Landes nach einer "Entkriminalisierung" des Kokaanbaus.
Extreme Armut zwinge die Menschen zum Kokaanbau, sagte Oscar Coca, Berater der Kokabauernföderationen im Distrikt Tropico de Cochabamba. Er sei gegen den illegalen Koka-Anbau und gegen Drogenhandel. Die Schuld liege bei den USA: Dort seien schließlich die Absatzmärkte für Kokain. Wenn der Drogenkonsum in den USA bekämpft würde, "gäbe es das Problem nicht mehr", behauptet Coca.
Internationale Ent wicklungs organisationen und kirchliche Einrichtungen bemühen sich, die Cocaleros zum Umsteigen auf alternative Produkte zu bewegen. In der Region von Cochabamba bauen ehemalige Kokafarmer Palmenherzen und Bananen für den Export an. Er könne sich vor Nachfragen kaum retten, berichtete Ber nadino Zurita, Präsident der Bananenbauernvereinigung. Doch ebenso deutlich machten die Bauern, dass ihre Einnahmen viel geringer ausfielen als früher. Zum Ausbau von Brücken und Straßen, aber auch zum Ausgleich ihrer Einkommenseinbußen bräuchten sie dringend die Hilfe Europas.
Zur Nagelprobe wird eine von der EU finanzierte Studie zum traditionsbedingten Bedarf an Koka in Bolivien werden. Die für Jahresende erwartete Untersuchung soll feststellen, wie viel Kokablätter die Indianer für ihren "legalen" Konsum benötigen und was darüber hinaus illegal ist. An diesen Zahlen wird sich Morales messen lassen müssen.