Der Hilferuf der Rütli-Hauptschule hat schnell Wirkung gezeigt. Seit acht Monaten war die Rektorenstelle an der Neuköllner Problemschule unbesetzt - knapp 48 Stunden nachdem der Brief der Lehrer bekannt wurde, präsentierte Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gestern einen neuen Leiter. Schon vor Wochen hatten die Lehrer angesichts von randalierenden Jugendlichen in den Klassenzimmern kapituliert und in einem Brief um Unterstützung gefleht. Lösungen für die gescheiterte Integrations- und Bildungspolitik in den Problemkiezen sind jedoch nicht in Sicht.

Böger entdeckt "großes Zutrauen"
Mehr als eine Stunde hatte Böger mit Kollegium und Klassensprechern geredet. Anschließend trat er routiniert vor die Kameras: "Ich bin nach dem Besuch viel optimistischer, als ich es gestern nach der Lektüre des Briefes war." Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern sei "von großem Zutrauen gekennzeichnet". Es gebe aber nichts zu beschönigen. "In der gesellschaftlichen Integration und Bildung haben wir in Berlin noch ein gutes Stück vor uns."
Auf zunächst angekündigte Waffenkontrollen und massiven Polizeischutz wurde gestern dann doch verzichtet. Böger sagte, das Problem seien nicht Waffen, sondern "rabiates Verhalten und körperliche Androhungen". Sechs Polizisten standen an den Straßenecken, zwischenzeitlich ließen sich Beamte auch auf dem Schulhof blicken.
Ein größerer Teil der Schüler versuchte das düstere Bild zurechtzurücken. "Wir sind keine Terrorschule", sagten einige Jungen nach der letzten Unterrichtsstunde. "Ich habe hier noch nie ein Messer gesehen", betonte die 15-jährige Zena. Den Brief hätten die Lehrer nur geschrieben, damit sie mehr Hilfe bekommen. "Wir haben viel zu wenig Lehrer." Für einige Schüler ist es dennoch ein weiter Weg zur Friedfertigkeit. Gegen den Pulk der Reporter und Kamerateams vor dem Schulzaun flogen wieder leere Plastikflaschen. Und der 15-jährige Ramazan Tuna von der Realschule im selben Gebäude meinte: "Man bekommt ja mit, was nebenan los ist. Die schlagen gegen die Türen und schreien rum."
Politisch steht Böger unter Druck. Die Opposition wirft ihm Nachlässigkeit vor, Elternverbände kritisieren, er habe seine Verwaltung nicht im Griff. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mahnt eine stärkere Schulaufsicht und bessere Lehrer an - eine indirekte Kritik auch an der Arbeit seines Schulsenators. Durch "organisatorische Maßnahmen" müsse dafür gesorgt werden, dass neue Lehrer an die Schulen kommen, "die sich gut ausgebildet und motiviert den Anforderungen stellen", sagte Wowereit.

Ohne Regeln auf verlorenem Posten
Beispiele anderer Schulen zeigen, dass auch mit einem hohen Ausländeranteil und schwierigem sozialen Umfeld Unterricht möglich ist. Wenn Lehrer teilweise gemeinsam mit Schülern Regeln für das Zusammenleben aufstellen, ist die Akzeptanz groß. Erst kürzlich machte die Herbert-Hoover-Realschule Schlagzeilen, weil Lehrer, Eltern und Schüler gemeinsam bestimmten, dass auf dem Schulhof nur deutsch gesprochen wird. Projekte gegen Gewalt und für Respekt greifen ebenfalls. Ohne feste Regeln, die auch mit Unterstützung der Eltern durchgesetzt werden, so lautet die Erkenntnis, stehen die Lehrer auf verlorenem Posten.

Zum Thema Weniger Gewalt
 Entgegen weit verbreiteter Meinungen ist in den vergangenen Jahren kein genereller Anstieg von Gewalttaten in Schulen zu beobachten. Verschiedene Untersuchungen deuten eher auf einen leichten Rückgang hin. Problematisch ist die Situation jedoch vor allem an Hauptschulen.
Klaus-Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld weist zudem darauf hin, dass die Gewalt an Hauptschulen besonders hoch sei in Regionen mit einem großen Anteil von Schülern in dieser Schulform. Dies trifft etwa auf Berlin zu. Dort gebe es dann an Hauptschulen eine "massive Problemkonzentration" , sagt Tillmann.