Bei der Wiener Städtischen Versicherungs AG (VIG) wurde man schon früh stutzig. Am Ende wurden die Lebensversicherungen, die der Versicherer mit der Dresdner Maklerfirma Infinus entwickelt hatte, ein Fall für die österreichische Geldwäsche-Kontrolle. Wie das kam, erläuterte am gestrigen Donnerstag der oberste Produktprüfer der Wiener Städtischen vor dem Dresdner Landgericht. Die Zeugenaussage des 48-jährigen Mathias Frisch zeigte am achten Verhandlungstag endlich die Geschäftstätigkeit von Infinus von der anderen Seite.

Die Zusammenarbeit zwischen Infinus und der Wiener Städtischen begann demnach im Sommer 2012. Gemeinsam wollte man eine Lebensversicherung für gut betuchte Kunden auf den deutschen Markt werfen. Der Deal: Die Dresdner und ihre Makler besorgen Kundschaft, die Wiener managen die Verträge. Ab Juli 2012 kamen laut Frisch Anträge rein - und schon einer der ersten kam den Wienern komisch vor. Eine Kundin, die trotz bescheidenem Einkommen eine saftige Monatsprämie von 1500 Euro zahlen wollte, entpuppte sich als Versicherungsmaklerin von Infinus. Als Frisch daraufhin bei den Geschäftspartnern in Dresden nachfragte, wurde ihm dort laut seiner Aussage "ein Argument vorgebracht, das glaubwürdig auf einen Einzelfall schließen ließ".

Es ging nur um die Provision

Doch bei dem blieb es nicht. Eine Tochterfirma von Infinus stellte einen Antrag mit satten 50 000 Euro Monatsprämie. Schließlich sogar, erklärt der Versicherungsmathematiker Frisch, seien sogar Anträge auf die Namen von Infinus-Vorständen eingegangen. Bei diesen Geschäften ging es augenscheinlich nur um die Provision. Die könnte der 2014 insolvent gegangene Finanzdienstleister gebraucht haben, um Zinsen zu zahlen und Cash zu verdienen. So vermutet die Staatsanwaltschaft im Prozess um den wohl größten deutschen Finanzskandal.

Seit Mitte November geht die Große Wirtschaftsstrafkammer der Frage nach, ob solche Eigengeschäfte bei Infinus Methode hatten, um ein sogenanntes Schneeballsystem zu füttern. Das jedenfalls vermutet die Staatsanwaltschaft. Die Anklage lautet auf bandenmäßigen Betrug, in so vielen Fällen, dass der Prozess nur die Hälfte überhaupt behandeln kann. Insgesamt sollen die sechs angeklagten ehemaligen Vorstände mehr als 40 000 Anleger um eine gute Milliarde Euro betrogen haben.

Eine Million als Sicherheit

Die Wiener Städtische ging schließlich auf Nummer sicher. Für den Fall, dass etwas schief geht, ließ sie sich von Infinus eine Million als Sicherheit garantieren. Wegen der Eigengeschäfte machte der Versicherer Meldung auf Geldwäsche-Verdacht bei den Wiener Behörden. Es stellte sich heraus: 27 Versicherungsnehmer, die über Infinus Verträge geschlossen hatten, hatten einen Bezug zur Infinus-Spitze. Sie waren Makler oder deren Lebensgefährtinnen. Die Wiener machten dann auch klar, dass sie "keine Freude mit solchen Verträgen haben", legte Mathias Frisch dar. Schließlich kam die Pleite von Infinus dazwischen. Heute werden weitere Zeugen befragt - der Prozess läuft voraussichtlich bis Sommer 2016.