Dr. Kieslich, in Berlin grassiert die schlimmste Masernwelle seit Einführung der Meldepflicht. Auch die Lausitzer sind beunruhigt. Gibt es Grund zur Panik?
Nein, aber auch keinen Grund für Leichtsinn. Seit Jahresbeginn wurden im Land Brandenburg 46 Masern-Fälle gemeldet, wie das Gesundheitsministerium in Potsdam angab.

Das ist schon ein erheblicher Anstieg zum Vorjahr. Denn 2014 gab es in der Mark insgesamt nur 13 Masern-Fälle, meldete das Robert-Koch-Institut.
Der Anstieg zeigt: Masern sowie andere Kinderkrankheiten sind noch nicht besiegt. Im Cottbuser Raum wurde seit Jahresbeginn zum Glück noch kein einziger Masernfall registriert. Aber die Besorgnis der Menschen ist groß. Es gibt zahlreiche Anfragen. Und sie lassen ihren Impfstatus überprüfen.

Wie wird der Impfstatus überprüft?

Anhand des Impfpasses schaut der Hausarzt, ob alle notwendigen Impfungen erfolgt sind. Als Reisemediziner überprüfe ich das automatisch und stopfe auch die Impflücken. Last Minute ist aber Impfen nur selten sinnvoll. Wenn der Impfpass nicht mehr auffindbar oder unklar ist, ob zum Beispiel Masern durchgestanden wurden, kann eine Blutprobe ins Labor geschickt und auf Antikörper getestet werden.

Bezahlen das die Krankenkassen?
Manchmal. Es ist aber keine Kassenleistung im klassischen Sinne. Wenn jemand keine zwei Masernimpfungen hat und nach 1970 geboren ist, so steht ihm nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission die Impfung als Kassenleistung zu. In Deutschland gibt es ja keine einzelne Masernimpfung, sondern nur die Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Für jene, die vor 1970 geboren sind, findet in der Regel eine Kulanzregelung Anwendung. In diesen Zeiten wird sich da wohl keine Krankenkasse sperren. Etwa ab einem Alter von fünfzig halte ich eine Behandlung mit Lebendimpfstoffen, wie es bei der Dreifachimpfung ist, für nicht mehr angeraten. Weil sie dann bei schwächer werdendem Immunsystem zu Komplikationen und verstärkten Nebenreaktionen führen kann.

Sollten jetzt also Großeltern auf Abstand zu ihren Enkeln gehen?
Nur dann, wenn eine Erkrankung bei den Enkeln vorliegt. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass jemand noch keinen Masernkontakt hatte, sinkt natürlich mit zunehmendem Alter. Die meisten aus der Nachkriegsgeneration haben die Krankheit selbst durchgemacht und sind so lebenslang dagegen immun.

Wie gefährdet sind Erwachsene?
Vor allem Menschen zwischen dreißig und vierzig ohne Impfschutz oder durchlebte Masern sind gefährdet. Denn diese Kinderkrankheit ist extrem ansteckend. Wer im Berufsleben steht, in Kita und Schule ein und aus geht und viel umherreist, kann sich schnell diesen Erreger einfangen. Da reicht der Aufenthalt mit einem Masernkranken im gleichen Raum. Wer also nicht genau weiß, ob er in der Kindheit daran erkrankt ist oder zwei Impfungen nachweisen kann, sollte sich impfen lassen. Selbst wenn man schon einmal geimpft wurde, hat das keine negativen Folgen. Der Immunität kann es nur gut tun.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder gegen diese und andere Kinderkrankheiten zu schützen?
Auf jeden Fall sollen sie genau den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission für Deutschland folgen. Das heißt, nach ihrem Impfkalender die ganzen Grundimmunisierungen ab einem Alter von sechs Wochen durchführen zu lassen und auch die Auffrischungen nicht zu vergessen. Da ist die Masernimpfung im ersten Lebensjahr auch mit dabei.

Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus?
Wenn überhaupt, gibt es Schmerzen an der Einstichstelle. Es kann auch zu einem kurzzeitigen grippigen Gefühl kommen. Kleine Kinder entwickeln dann abends ein bisschen Fieber. Nicht selten ist auch Hautausschlag. Aber er ist nicht ansteckend und verschwindet komplikationslos. Für Menschen ohne Immundefekt ist so eine Impfung gut verträglich und immer den Masern vorzuziehen.

Dennoch werden Masernpartys veranstaltet, bei denen sich Kinder gegenseitig anstecken sollen.
Aus meiner Sicht ist das nicht nur Verletzung der Sorgfaltspflicht, sondern gefährliche Körperverletzung. Masern können zu einer schweren Lungenentzündung oder zu einer Infektion des Gehirns führen. Und sogar für den Tod oder eine lebenslange Behinderung verantwortlich sein. Man darf Krankheiten nicht bagatellisieren, nur, weil sie Kinderkrankheiten heißen.

Einige Eltern sagen, Impfen sei auch Körperverletzung.
Es ist ein körperlicher Eingriff, aber zum Nutzen der Patienten.

Wie ist das mit der Hoffnung, dass das Durchstehen von Kinderkrankheiten das Immunsystem stärkt?
Das ist leider nicht der Fall. Masern bringen also dem Kind nichts außer Risiken. Erwachsene brauchen fast zwei Monate, um wieder fit zu werden. Aber da ich hier jeden Tag Impfpässe kontrolliere, muss ich sagen: Das Land Brandenburg profitiert in dieser Beziehung sehr von seiner Geschichte. Hut ab! Die meisten sind akribisch immunisiert worden. Ich komme aus Bayern und hatte keine vollständige Kinderimmunisierung. Das habe ich alles während des Studiums nachgeholt. Weil wir Ärzte als Beispiel vorangehen müssen und natürlich nicht für die Weiterverbreitung von Erregern sorgen dürfen.

Wie denken Sie über eine Wiedereinführung der Impfpflicht, die jetzt diskutiert wird?
Pocken haben wir so besiegt. Wenn wir Masern und andere Krankheiten ausrotten wollen, geht es nicht ohne Impfpflicht.

Mit Christian Kieslich sprach

Ida Kretzschmar