Frau Schmidt, können 4,2 Millionen Euro die dramatische Abwanderung ostdeutscher Jugendlicher aufhalten?
Nein, das kann dieses Programm natürlich nicht allein. Unser Projekt mit einem vergleichsweise kurzen Zeitraum von 15 Monaten soll Anstöße geben, die vor Ort weiter getragen werden und dann auch nicht mehr von uns finanziert werden müssen. Dazu haben wir zwei Jugendstiftungen gewonnen, die in Eigenregie mit Unterstützung von Kommunen und Ländern wirken. Im Kern geht es darum, dass Jugendliche wieder Mut schöpfen, ein gemeinschaftliches Bewusstsein entwickeln und sich in ihrer Region verwirklichen.

Das ist leichter gesagt als getan, wenn es um die beruflichen Perspektiven vor Ort düster bestellt ist.
Einer der Schwerpunkte des Programms ist ja die Berufsorientierung. Dazu gehört die bessere Verzahnung mit anderen längst existierenden Programmen wie zum Beispiel „jump plus“ gegen Jugendarbeitslosigkeit. Dazu gehört aber auch das rechtzeitige Kennenlernen von Berufsbildern, die in Ostdeutschland eine Zukunft haben und nicht unbedingt im Blickwinkel der Jugendlichen sind. Das betrifft vor allem den sozialen Bereich. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Eigeninitiative der jungen Leute, zum Beispiel den Bedarf für neue Tätigkeitsfelder in der Region zu ermitteln. Und nicht zuletzt geht es um die Stärkung des Ehrenamtes.

Gibt es schon erste Erfahrungen?
Das Programm läuft seit drei Monaten. Und ein gewisser Erfolg ist sichtbar. Immerhin sind bislang allein 1000 Projektanträge eingegangen, 400 Projekte werden jetzt schon gefördert.

Es gibt eine Fülle von staatlichen Jugendprogrammen. Sie haben es angesprochen. Aber der Erfolg ist bescheiden. Woran liegt’s?
Wir müssen uns genau anschauen, wie die Maßnahmen wirken. Ich habe etwas dagegen, kostenintensive Programme einfach weiter zu führen, ohne auf den Nutzeffekt zu achten.

Das Grundproblem sind doch wohl die fehlenden Jobs. Wie kann Ihr Programm da konkret helfen?
Es gibt auch in Ostdeutschland freie Arbeitsplätze, nicht viele, aber es gibt welche. Es gibt Berufe, die zu wenig bekannt sind. Und es gibt Betriebe, die bilden zu wenig oder gar nicht aus. Wir müssen dafür sorgen, dass schon in den Schulen Kontakte zu Betrieben entstehen. Dadurch steigen die individuellen Chancen für einen Ausbildungsplatz. Im Westen bilden 68 Prozent der Betriebe nicht aus. Das ist schon viel zu hoch. Doch im Osten sind es sogar 75 Prozent.

Tatsache ist aber auch, dass gerade in strukturschwachen Regionen große Betriebe wie zum Beispiel BASF in der Lausitz deutlich über den eigenen Bedarf hinaus Lehrstellen anbieten. Unter dem Strich gibt es jedoch viel zu wenige Unternehmen. Daran kann auch Ihr Programm nichts ändern.
Natürlich werden wir damit nicht neue Betriebe schaffen können. Das Ziel des Programms richtet sich in erster Linie auf die frühzeitige Berufsorientierung und auf Praktika. Die beiden Jugendstiftungen ziehen Projekte an Land und begleiten sie.

Ihr Parteifreund, Altkanzler Helmut Schmidt, hat jüngst die Halbierung des Mehrwertsteuersatzes angeregt, um die Wirtschaft im Osten auf Trab zu bringen. Wäre das nicht ein Weg, um die Beschäftigungsaussichten für junge Menschen zu verbessern?
Ich glaube nicht, dass eine solche Sonderregelung für die neuen Länder praktikabel ist. Da macht es sich mein Namensvetter zu einfach. Auch würde sich wohl nur der Konsum verbessern. Zusätzliche Dauerarbeitsplätze werden dadurch kaum entstehen.

Mit RENATE SCHMIDT
sprach Stefan Vetter

Für nähere Informationen
können sich Interessenten
bei der Deutschen Kinder-
und Jugendstiftung in Berlin
melden, Telefon: 030-2576760