Johanna Liebe ist nicht auf den Mund gefallen. Das musste vorige Woche der AfD-Politiker Andreas Kalbitz am eigenen Leib erfahren. Er sollte mit der 15-jährigen Schülerin des Evangelischen Gymnasiums Neuruppin im Landtag in Potsdam über die Auswirkung von Windkraft auf Insekten und Vögel sprechen. Doch Kalbitz wurde ausfallend und Johanna sagte dem Politiker, dass es bedauerlich sei, dass er keine Diskussion führen könne, ohne beleidigend zu werden. Nun bekommt die Neuruppinerin viel positives Echo.

Johanna, wie kam es dazu, dass du mit Andreas Kalbitz diskutiert hast?

Liebe Wir wurden im Zuge von „Jugend debattiert“ und der Aktion „Juniorwahl“  angefragt, ob wir bei dieser Veranstaltung  mitmachen wollen. Nachdem wir zugesagt hatten, haben wir die Fragen bekommen und konnten sie  untereinander verteilen.

Die jeweilige Parteizentrale hatte diese Fragen vorgeschlagen. Die Politiker waren dabei immer die Pro-Seite. Ich hatte die Frage, ob zum Schutz der heimischen Insekten- und Vogelpopulation die Förderung von Windrädern eingestellt werden sollte. Darauf haben wir uns vorbereitet und hatten auch ein Seminar dazu.

Wie war die Zuordnung zu dieser doch recht umstrittenen Partei für dich?

Liebe Natürlich stimme ich nicht mit dem Parteiprogramm überein. Ich habe das jetzt nicht in allen Einzelheiten gelesen, aber ich denke, in den relevanten Punkten sind wir nicht einer Meinung. Aber letztendlich weiß man ja über solche Leute und über Parteien immer nur das, was man aus den Medien hört.

Liebe Ich wusste nicht, was Herr Kalbitz so für ein Mensch ist, und wie gut oder auch wie schwierig es sich mit ihm debattieren lässt. Ich hatte Respekt davor, eben weil ich so wenig darüber wusste.

Ihr hattet dann zwölf Minuten für die Debatte. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Liebe Wir haben vorher Argumente rausgesucht. Im Seminar haben wir noch einmal durchgesprochen, zu welchen Situationen es kommen kann, und wie wir uns in diesem Format verhalten, das für uns ja auch neu war, weil es bei „Jugend debattiert“ im Wettbewerb ein anderes ist.

Diese Debatte ist am Ende nicht so gelaufen, wie du sie dir wahrscheinlich vorgestellt hast?

Liebe Ja. Ich hatte gedacht, dass Herr Kalbitz sich von seiner höflichsten Seite zeigen möchte, da es um Jungwähler ging. Ich hätte gehofft, dass es eine konstruktive Debatte wird. Dass es so sehr aneinander vorbei geht, habe ich als sehr schade und ernüchternd empfunden.

Als Andreas Kalbitz begann, Greta Thunberg als „zopfgesichtiges Mondgesicht-Mädchen“ und kritische Jugendliche im Landtag zu beleidigen, hat es dir gereicht.

Liebe Da war für mich ein Punkt überschritten. Ich meine: Wenn jemand nicht direkt auf das Debattenthema eingeht, ist das eine Sache. Aber wenn jemand ausfallend wird, dann ist das eben nicht mehr okay.

Das scheint dich sehr verärgert zu haben.

Liebe Selbstverständlich ärgert es einen, wenn jemand beleidigt wird. Was mich entsetzt hat, war, dass er so offen beleidigend geworden ist, weil ich es erstens nicht nachvollziehen kann. Ich finde, Greta Thunberg ist ein hübsches Mädchen.

Zweitens finde ich, es ist traurig, wenn man über Leute mit anderen politischen Zielen nichts weiter zu sagen hat als zu ihrem Aussehen. Egal, was man davon hält: Man darf die Leute nicht einfach beleidigen.

Das Echo auf den Auftritt ist sehr groß. Viele Medienvertreter wollen mit dir sprechen. Hast du damit gerechnet?

Liebe Ich war sehr überrascht, als meine Schule anrief und meinte: Wir haben lauter Interview-Anfragen. Damit habe ich natürlich nicht gerechnet. Ich hatte den Anspruch, dass die Debatte konstruktiv und gut verläuft, und dass die lokale Presse höchstens über eine schöne und gelungene Juniorwahl berichtet. Dass Kalbitz so beleidigend wird und dass das so hohe Wellen schlägt, habe ich nicht erwartet. Aber ich finde es gut, dass das nicht einfach ignoriert wird.

Hat dich der Ausgang dieser Debatte auch ein bisschen ernüchtert?

Liebe Ich hatte gedacht, dass es doch mehr konstruktive Vorschläge gibt. Meine Fragestellung war ja durchaus berechtigt. Ich glaube, gerade Leute, die Windräder direkt vor ihrer Tür haben, fühlen sich durch diese Frage durchaus angesprochen. Deshalb hätte ich mich gefreut, dazu wirklich Argumentationen zu hören.

Mit Johanna Liebe sprach
Judith Melzer-Voigt