Rosa Schneider*schämt sich. Für ihr trostloses Leben. Für ihre unansehnliche Figur. Für ihren alkoholkranken Sohn. Deshalb möchte sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Aber reden möchte sie. „Damit vielleicht ein paar Leute aufgerüttelt werden und nicht denken, das ist ja ein prima Leben, so ganz unten.“
Rosa Schneider ist 48 Jahre alt. Zu DDR-Zeiten hat sie im Konsum gearbeitet, niemand störte sich an ihrer Figur oder daran, dass ihr manchmal das Lächeln und die Freundlichkeit abhanden kommen. „Ich bin nicht so der lockere, flinke Typ“ , sagt sie. Aber nach der Wende, da wurde genau das von ihr erwartet. Nett zu den Kunden sollte sie sein, schnell an der Kasse. „Ich bin einfach nicht mehr zurecht gekommen, war froh, wenn der Arzt mich krank geschrieben hat und ich ein paar Tage zu Hause bleiben konnte.“

Es bleiben Schulden und Scham
Schließlich verlor sie ihren festen Job, suchte sich zwei Putzstellen. Nachts, in einer Bank und in einem Supermarkt. „Da stört mich keiner. Ich muss nicht gut aussehen, nicht nett quatschen, nur meine Arbeit erledigen.“ Knapp 400 Euro verdient sie. Mit den 600, die ihr Mann bei einem Sicherheitsdienst bekommt, hätten sie eigentlich ihr Auskommen. „Aber unser jüngster Sohn hat uns reingerissen. Als die beiden Großen in den Westen gegangen sind, hat er irgendwie die Kurve nicht mehr gekriegt. Schule geschwänzt, gesoffen, randaliert.“ Nach der 10. Klasse ließ Bernd sich völlig gehen. Versuchte erst gar nicht, eine Lehrstelle zu bekommen. Schlief bis mittags, fing dann an, mit seinen Kumpels zu saufen. „Wenn wir ihn antreiben wollten, hat er nur gelacht. Wer arbeitet, sei nur zu doof, so über die Runden zu kommen.“
Als er 19 war, baute Bernd mit einem geliehenen Auto einen Unfall. „3000 Euro Schaden, er hatte auch noch getrunken.“ Jeder im Dorf habe davon gewusst, man habe aber alles unter der Hand regeln wollen, ohne Stress mit der Polizei. Bis heute zahlen die Schneiders die Schulden von damals ab. Hundert Euro jeden Monat. Der Sohn lacht weiter über sie.
„Vor ein paar Wochen haben wir ihn rausgeschmissen. Im Suff wurde er manchmal so aggressiv, dass wir Angst vor ihm kriegten. Jetzt sehen wir ihn nur manchmal vor der Kneipe rumhängen. Er wird wohl von Hartz IV leben, wie alle seine Kumpels. Die kennen doch jeden Trick, um den Staat zu erleichtern.“
Verbittert sind die Schneiders, weil niemand ihnen hilft, niemand helfen kann. „Wir sind finanziell ruiniert, der Bengel säuft sich zu Grunde und im Amt zucken sie mit den Schultern. Solange er nicht selbst will, kann ihn niemand am Saufen hindern.“
Rosa Schneider und ihrem zehn Jahre älteren Mann bleiben die Schulden - und die Scham. Nur noch selten gehen sie aus dem Haus. Freunde haben sie längst keine mehr. „Die müsste man ja mal zum Kaffee einladen oder zum Geburtstag. Aber uns fehlt das Geld. Und, was sollten wir sagen, wenn sie nach Bernd fragen? Denkt doch jeder, wir sind Schuld an seinem Elend.“
Noch knapp zwei Jahre, das hat sie ausgerechnet, muss sie für den Unfallschaden bezahlen. Aber auch für die Zeit danach rechnet sie nicht mit einem leichteren Leben. „Mein Mann hat es auf der Lunge. Der dürfte eigentlich schon jetzt nicht mehr nachts raus in die Kälte.“ Sie hat Angst, dass er bald ganz ausfällt als Verdiener. „Von meinem Geld allein können wir nicht leben, es reicht ja jetzt schon kaum.“ Ausflüge, Urlaub, selbst Kinobesuche sind gestrichen.
Selbst Harz IV beantragen wollen die Schneiders auf gar keinen Fall. „Unser Haus ist zu groß, da müssten wir sofort raus. Und in so einer kleinen Mietwohnung, wo die Nachbarn jeden Tag quatschen wollen, nee, das wäre für uns der Horror.“

Keine Zeitung zum Frühstück
Rosa Schneider arbeitet von drei Uhr nachts bis sieben Uhr morgens. Wenn sie heimkommt, frühstückt sie mit ihrem Mann. „Früher gab's dazu die Zeitung, heute schalten wir den Fernseher an. Ist billiger.“ Sie liebt den Fernseher. Shows mit bunten Kostümchen und heiler Welt. „Diesen Gerichtsquatsch nachmittags nicht. Zu viel Gerede. Da laufen bei mir Trickfilme, sonst gibt's ja nichts zu lachen.“ Einmal im Jahr kommen die großen Söhne zu Besuch, manchmal mit den Schwiegertöchtern. „Beides so Modepüppchen mit Piercing im Bauchnabel und langen Fingernägeln. Nett, aber was soll ich mit denen anfangen. Wo ich doch so dick bin und mit meinen ganzen ollen Klamotten. Die lachen doch über mich.“
Es ist eine fatale Mischung aus Bitterkeit, Scham und Hoffnungslosigkeit, die sie beherrscht. „Manchmal macht mich das alles nur noch wütend. Wenn ich diese ganzen jungen Leute sehe, die nur rumhängen und vom Staat leben. Und wir in unserem Alter, wir schuften jede Nacht und kommen auf keinen grünen Zweig.“
Manchmal hofft sie, es käme mal so ein Fernseh-Team vorbei. „Die, die dich zur Kosmetik schicken und in der Zwischenzeit dein Haus renovieren. Da wäre plötzlich alles schön. Und man könnte auch mal wieder unter Leute gehen.“ Ein bisschen verlegen zupft sie an der Couchdecke, blickt sich um. Würde tatsächlich mal ein TV-Team vor ihrer Tür stehen - Rosa Schneider würde wahrscheinlich nicht aufmachen. Aus Scham über ihr Leben, so weit unten.
*Name geändert