Der Richtungsstreit über das Für und Wider einer baldigen Konfrontation ist entschieden. Präsident George W. Bush schickte nicht einen der bekannten Falken, die schon immer einen kompromisslosen Kurs gegen den Irak gepredigt haben, vor die Mikrofone, sondern den gemäßigten Powell. Die Uhr tickt. Powell, der dem Irak noch vor zwei Wochen eine gute Zusammenarbeit mit den Waffeninspekteuren bescheinigt und die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung des Konflikts immer wieder geschürt hatte, fand starke Worte: „Iraks fortgesetzte Missachtung und Verachtung der internationalen Gemeinschaft hat den Tag näher gebracht, an dem (das Land) die Konsequenzen tragen muss.“ Er bezichtigte Bagdad der fortgesetzten Lügen.
Sowohl Negroponte als auch Powell sprachen explizit von einem „schwerwiegenden Verstoߓ gegen die UN-Resolution 1441. Das ist genau die Formulierung in der UN-Resolution, die Bagdad im Falle eines Verstoßes gegen die Bestimmungen ernsthafte Konsequenzen androht – nach Washingtoner Lesart das Codewort für einen Krieg.
Doch noch sind die USA nicht so weit. Mit dem Gang zu den Vereinten Nationen hat Präsident George W. Bush auf die multinationale Karte gesetzt. Die USA wollen so viele Staaten wie möglich ins Boot holen, bevor sie tatsächlich zum Militärschlag ausholen. „Der Präsident hat um internationale Unterstützung nachgefragt; von diesem Pfad kann er jetzt schlecht abweichen“, sagte der Außenpolitik-Experte des Brookings-Instituts in Washington, Ivo Daalder. Außer Großbritannien hat sich bislang zwar niemand mit scharfer Kritik an Bagdad aus dem Fenster gelehnt, doch die Unterstützung für den US-Kurs wächst.
Zudem ist die US-Regierung zuversichtlich, in den nächsten Wochen weitere Puzzlesteine für eine endgültige Verurteilung Bagdads zusammentragen zu können. Die Waffeninspekteure sollen jetzt erstmals gezielt von Washington auf verdächtige Machenschaften hingewiesen werden. Ob dabei der ganz große Coup gelingt und tatsächlich ein Waffenversteck mit chemischen und biologischen Kampfstoffen gefunden wird, ist ungewiss.
Zur Überzeugung noch zögernder Verbündeter reicht auch weniger, sind die Amerikaner inzwischen überzeugt. „Ein Arsenal an Beweisen baut sich langsam auf, das zeigt, dass Bagdad mit den Vereinten Nationen nicht kooperiert“, sagte Powell. Dazu gehören auch die fortgesetzten Scharmützel in den Flugverbotszonen im Norden und Süden des Irak. Die irakische Flugabwehr feuert dort immer wieder auf britische und amerikanische Flugzeuge.
Der Entscheidungstag dürfte Ende Januar kommen. Am 27. Januar berichtet Chefinspekteur Hans Blix dem UN-Sicherheitsrat erneut über die Lage, einen Tag später plant Bush seine Rede zur Lage der Nation. Bis dahin will die US-Regierung sich zumindest nach außen in Geduld üben. Nichts soll den Eindruck erwecken, als seien die Würfel längst gefallen.
UN-Botschafter Negroponte schien Bagdad sogar Raum für Nachbesserungen zu dem Waffendossier einzuräumen. „Der Irak muss beweisen, dass es einen anderen Grund (für die Auslassungen in dem Bericht) gibt, als den nahe liegenden, nämlich, dass es sich einfach um einen weiteren Akt der Täuschung in der Lügengeschichte eines trotzigen Diktators handelt.“ Dass Bagdad die fehlenden Angaben tatsächlich zur Zufriedenheit Washingtons nachliefert, glaubt indes niemand.