Herr Schreiner, die Wirtschaft wächst und wächst, die Firmen verdienen gut. Wie sollen die Beschäftigten daran beteiligt werden„ Welche Form und Höhe halten Sie für angemessen“
Entscheidend ist, ob die angedachten Investivlöhne als Teil des Tariflohns oder zusätzlich zu diesem gezahlt werden. Ich halte es aber für ausgeschlossen, dass angesichts der durchschnittlichen Reallohnentwicklung von minus 0,9 Prozent zwischen 1995 und 2004 die Beschäftigten jetzt auf einen Teil ihres Lohns verzichten.

Also höhere Tarifabschlüsse oder Investivlöhne und Prämien„
Ich bin für beides offen. Zum einen eine spürbare Reallohnerhöhung, die Leute brauchen mehr Geld. Zum anderen kann ein Investivlohn durchaus sinnvoll sein. Allerdings sind dabei einige Dinge noch zu klären.

Welche sind das für Sie“
Es muss klar sein: Investivlöhne dürfen nicht Reallohnverzicht bedeuten. Also kein entweder oder, sondern ein sowohl als auch. Zudem muss geklärt werden, was passiert, wenn die Firma keinen Gewinn macht oder Insolvenz anmeldet. Hier dürfen die Beschäftigten nicht das Risiko tragen.

Bisher predigten Wirtschaftsverbände und auch Politiker Lohnzurückhaltung. Woher kommt dieser Sinneswandel„
Ich bin selbst überrascht. In den vergangen Jahren wurde argumentiert mit der Formel bescheidene Löhne gleich mehr Beschäftigung. In der Realität hat dies nicht funktioniert. Anderenfalls hätten wir gerade in Ostdeutschland einen massiven Zuwachs an Stellen haben müssen. Vielmehr haben die niedrigen Löhne den privaten Konsum geschwächt.
Wie wollen Sie die Menschen, die nicht in Lohn und Brot sind, also Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, Rentner, am Aufschwung teilhaben lassen“
Rentner wären indirekt beteiligt, kommt es zu einer angemessenen Lohnentwicklung. Wenn es zudem gelingt, das diesjährige Wirtschaftswachstum von rund 2,4 Prozent zu verstetigen, würde die Arbeitslosigkeit ähnlich wie in diesem Jahr weiter abgebaut werden. Davon profitieren Arbeitslose am meisten. In diesem Jahr haben 400 000 Erwerbslose einen Job bekommen, aber wir auch müssen sehen, was das zum Teil für Stellen sind. Denn dabei handelt es sich auch um prekäre und atypische Stellen, also beispielsweise sehr schlecht bezahlte oder befristete Arbeitsplätze.

Es werden aber sicher nicht alle Arbeitslose vom Wirtschaftswachstum profitieren . . .
Richtig - das sind unter anderem ältere und gesundheitlich beeinträchtigte. Für diese Menschen brauchen wir auf Dauer einen öffentlich geförderten zweiten Arbeitsmarkt - und zwar mit sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen über mindestens drei Jahre. Das gilt insbesondere für ältere Arbeitslose. Für diese kann das eine Brücke in die Altersversorgung sein. Bei jüngeren muss so eine Beschäftigung verbunden werden mit Qualifizierung.

Sie haben lange vor Kurt Beck von "Unterschicht" und von "prekären Arbeitsverhältnissen" gesprochen. Die Resonanz war relativ gering. Als ihr Parteichef jetzt diese Worte benutzte, gab es einen Aufschrei. Werden Sie in der SPD noch gehört„
Ich halte es für albern zu bestreiten, dass es in Deutschland Schichten gibt. Ich halte diese sogar für so verfestigt, dass der Begriff Schichten dieses Problem schon nicht mehr richtig umschreibt. Denn Schichten heißt auch, dass diese durchlässig sind, also beispielsweise sozialer Aufstieg möglich ist. Genau das wird heute aber von vielen Menschen nicht mehr so empfunden.

Und Ihre Position in der Partei“ Ihre Vorstellungen ließen sich schon nicht in der SPD-geführten Regierung durchsetzen. Jetzt ist die SPD in einer schwarz-roten Koalition. Sind Sie da noch in der richtigen Partei„
Geringe Resonanz kann ich nur begrenzt sehen. Während der Hartz-Gesetzgebung habe ich heftig kritisiert, dass damit jeder Erwerbslose jede Arbeit zu jedem noch so niedrigen Einkommen annehmen muss. In der SPD gibt es mit der Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn inzwischen eine deutliche Kurskorrektur. Das habe ich seit Jahren gefordert. Wie sich das in der Koalition durchsetzen lässt, müssen Gespräche zeigen.

Hat dieser neue Kurs auch mit Personen zu tun“ Anders gefragt - ist die SPD unter Beck wieder eher ihre Partei, als sie es unter Schröder war„
Zumindest öffnet sich die SPD wieder stärker Überlegungen, die vor einigen Jahren als nicht zeitgemäß galten. Mindestlöhne zum Beispiel wurden unter Schröder strikt abgelehnt.

Kann diese inhaltliche Öffnung so weit gehen, dass in näherer Zukunft im Bund eine Koalition mit der Linkspartei realistisch ist“
Das hängt ab von der programmatischen Entwicklung der SPD. Wir arbeiten momentan an einem neuen Grundsatzprogramm, das Ende 2007 verabschiedet werden soll. Wir müssen aber auch genau schauen, wo bei der Linkspartei programmatisch die Reise hingeht. Da ist vieles im Unklaren.

Mit Ottmar Schreiner
sprach Andreas Blaser