Als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums bemüht er sich um eine Verständigung mit Russland. Doch Kritiker werfen dem ehemaligen Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) vor, ein zu unkritisches Verhältnis zur russischen Politik zu pflegen. Die RUNDSCHAU hat mit ihm gesprochen.

Herr Platzeck, was ist aus Ihrer Sicht das momentan Wichtigste in der deutschen Russlandpolitik?
Platzeck Es muss alles getan werden, dass die wahrnehmbare und spürbare Entfremdung von Deutschland und Russland nicht weiter Raum greift. Die Entfremdung wächst auf beiden Seiten. Ich halte das bei zwei so großen und wichtigen Ländern auf unserem Kontinent mit dieser gemeinsamen Geschichte und dieser kulturellen Verbindung für fatal. Entfremdung heißt, dass man immer weniger voneinander weiß, dass man dadurch auch schneller falschen Meldungen, Darstellungen und Ansichten aufsitzt. Das bringt erhöhte Gefährdungspotenziale mit sich. Es kann dahin führen, dass schwierige Situationen eskalieren. Deswegen bin ich dafür, dass wir im Verhältnis zu Russland Brücken begehbar halten, und genau darum bemüht sich das Deutsch-Russische Forum.

Was meinen Sie damit?
Platzeck Wir werden etwa im Juni eine Städtepartnerschaftskonferenz in Krasnodar veranstalten, die wohl größte zivilgesellschaftliche Begegnung zwischen beiden Ländern dieses Jahr. Auch die Außenminister Gabriel und Lawrow werden dabei sein. Und sie werden vielleicht auch unseren Vorschlag aufnehmen und das Jahr 2017/ 2018 zum Jahr der regionalen und kommunalen Partnerschaften erklären. Ich halte es für wichtig, gerade in Zeiten, in denen auf der großen politischen Bühne wenig geht, Menschen zusammenzubringen.

Wie weit darf der Kampf gegen Entfremdung gehen? Ist die Übernahme jeder Position gerechtfertigt, um einen besseren Kontakt zu bekommen?
Platzeck Es ist nie alles gerechtfertigt. Aber trotzdem sollten wir viel Kraft, Ideen und Ressourcen aufwenden, um dieser Entfremdung zu begegnen. Deswegen organisieren wir auch, um einige Beispiele zu nennen, Medienforen mit jungen russischen Journalisten, wir machen Young-Leader-Seminare mit jungen Führungskräften beider Länder oder den Bundescup "Spielend Russisch lernen" mit über 200 Schulen in Deutschland. Kurzum: Wir versuchen auf etlichen Ebenen, diesen Gedanken zu transportieren.

Frank-Walter Steinmeier hat stets die Bedeutung der Menschenrechte für die deutsche Außenpolitik hervorgehoben. Wie sehr kann eine zivilgesellschaftliche Organisation das in Russland anmahnen?
Platzeck Das machen wir permanent. Unsere Organisation arbeitet mit einem breiten Spektrum von Menschen und Initiativen in Russland. Wir sind einer der engsten Partner von Elena Nemirowskaja, die die Schule für gesellschaftliche Bildung führt, also eine Organisation, die leider nach der neuesten Moskauer Sichtweise als ausländischer Agent gilt. Aber auch mit der Gaidarstiftung, dem russischen Menschenrechtsbeauftragten Michail Fedotov und vielen anderen führen wir gemeinsame Veranstaltungen durch.

In Deutschland versteht man die Positionen von Matthias Platzeck nicht immer. Etwa, als Sie "Russia Today" ein Interview gaben.
Platzeck Wer sich beim Thema Russland vor Missverständnissen oder bewussten Fehlinterpretationen fürchtet, sollte sich anderen Themen zuwenden.

Ich höre immer wieder Beschwerden, dass bei "Russia Today" nur die AfD oder Sahra Wagenknecht zu Wort kommen. Mit dem Chefredakteur habe ich darüber debattiert, und dann sagte der: Wir sprechen mit jedem. Deswegen habe ich zugesagt. Und bezeichnenderweise habe ich dann von überall gehört, dass man gegen den Inhalt dieses Interviews nichts sagen kann. Der Sender hat hohe Einschaltquoten - und da ist doch die Frage, ob man alle diese Menschen nur der AfD überlässt.

Mit Matthias Platzeck

sprach Benjamin Lassiwe