Die gelbe Tafel mit der Warnung vor Dachlawinen springt gleich ins Auge, erst dann folgt das schlichte Firmenschild aus Holz: "Ekkard Seidl Geigenbaumeister". In der Werkstatt in der ersten Etage sitzt Seidl an einer Werkbank mit Dutzenden Gläsern unterschiedlich schimmernder Tinkturen. Mit geübtem Blick und Pinselstrich gibt er dem rotbraunen Anstrich des neuen Instruments den letzten Schliff. Dafür sei er Geigenbauer geworden, erzählt er mit ruhiger Stimme, ohne dabei die Augen von seiner Arbeit abzuwenden.

Jede Geige ist anders

24 Geigenbauer üben im Vogtland, wo schon seit Jahrhunderten Instrumente hergestellt werden, heute noch ihr Handwerk aus. Nie habe er etwas anderes machen wollen, betont der Mann aus Mark neukirchen. Mehr als 30 Jahre liegt seine Lehrzeit zurück. Seitdem kamen ihm nicht nur neu gebaute Geigen unter, sondern auch eine Vielzahl alter Instrumente, die repariert oder begutachtet werden mussten. "Zu jedem Instrument, ob neu oder alt, notiere ich ein Protokoll", erzählt der 53-Jährige. Jeder Geigenbauer habe eine bestimmte Signatur, jede Geige ganz eigene Merkmale, die das Klangbild ausmachen. Jahrelang habe er alle Messwerte von der Wölbung der Decke bis zur Stärke des Holzes seitenweise in dicken Ordnern festgehalten.

Doch je mehr er Gefallen an dem "alten Zeug" fand, desto unübersichtlicher wurde die "Zettelwirtschaft". Ein Zufall brachte den gebürtigen Markneukirchner mit einem Programmierer aus der Gegend zusammen. Fünf Jahre später kam "Ida" zur Welt: ein "Instrument-Daten-Assistent", der die "Biografie" einer Geige erstellt. Mehr als 400 Messwerte pro Instrument, darunter Dutzende Wölbungslinien, dazu rund 30 Fotos aus allen Blinkwinkeln, Angaben zu Herkunft, Besitzer oder Baujahr, zudem eine genaue Altersbestimmung des Holzes hat er nun auf einen Klick parat. Instrumente können zudem miteinander verglichen werden.

Ein schlaues Programm

Seine "Ida" ließ der Vogtländer, wie er betont, vor allem zu seinem eigenen Glück entwickeln. Mit Lizenzen für 450 Euro wolle er lediglich die Kosten decken. Mehr als 13 000 Instrumentenbauer kennt das Programm inzwischen. Davon über 2500 aus dem Vogtland, das auf rund 350 Jahre Instrumentenbau zurückblicken kann und noch heute als Zentrum des Orchesterinstrumentenbaus gilt. Der Geigenbau sei dafür sozusagen die "Keimzelle" gewesen in der Region Markneukirchen, die auch als Musikwinkel bezeichnet wird - etwa 130 Geigenbauer hätten hier einmal gearbeitet, weiß Enrico Weller, Musikhistoriker und Lehrer am örtlichen Gymnasium. Mehr als 100 000 Geigen im Jahr seien hier im 19. Jahrhundert produziert worden.

Heute sind es deutlich weniger. Wie viele genau, weiß keiner - die Geigenbauer sind offensichtlich ein verschwiegenes Gewerke. Deutschlandweit gehöre der Instrumentenbau und der damit verbundene Einzelhandel zu den drei wichtigsten Säulen der Musikwirtschaft, heißt es vom Branchenverband Somm (Society of Music Merchants). Die Instrumentenbauer erwirtschaften etwa ein Fünftel des Gesamtumsatzes von mehr als zehn Milliarden Euro. 16 Prozent wiederum gehen auf das Konto der Saiteninstrumente, zu denen auch die Geige gehört.

Rein zahlenmäßig mag das Vogtland von heute mit seinen 24 Geigenbauern zwar nicht mehr an frühere Zeiten heranreichen. "Aber die Geigen von damals wurden arbeitsteilig produziert, das war Massenfertigung", sagt Weller. Mit dem "Kunsthandwerk" eines Geigenbauers wie Seidl habe das wenig zu tun.

Statt auf Masse setzt man im Vogtland nun lieber wieder auf Klasse und Einzelanfertigungen. Gerade einmal drei Mitarbeiter beschäftigt Seidl, darunter seine Frau Petra und Sohn Veit. Wie viele Geigen seine Werkstatt im Jahr verlassen, darüber schweigt er sich aus. Aber so viel verrät er: Rund 200 Arbeitsstunden stecken durchschnittlich in seinen Instrumenten. So müsse mancher Musiker bis zu drei Jahre auf "seine" Geige warten, die dann aber auch wirklich die seine sei. Denn wer mit einer speziellen Klangvorstellung in seine Werkstatt komme, könne dies zwar in Worte fassen.

"In 90 Prozent der Fälle stimmen diese Beschreibung und die tatsächliche Akustik aber nicht überein." Es brauche viel Einfühlungsvermögen, um mit dem Geigenspieler herauszuhören, was der eigentlich wolle. Dabei muss sich Seidl auf sein musikalisches Gehör verlassen - denn selbst Geige spielen kann der Geigenbaumeister nicht.