Herr Walter, die SPD kommt in Umfragen nur noch auf 30 Prozent. In der Partei selbst macht sich Ratlosigkeit breit. Was läuft schief bei den Genossen„
Regierungsparteien am Anfang einer zweiten Wahlperiode geht es immer schlecht. Das ist seit 1953 konstant so. Dass es bei der SPD besonders akut ist, hat mit den Wählern unter 40 zu tun, die heute schneller und unsentimentaler die politischen Seiten wechseln als früher. Mittlerweile wird auch in anderen Staaten nicht mehr für jemanden votiert, sondern erbarmungslos abgewählt. Die SPD, die 1998 an die Macht kam, war programmatisch auf dem Stand vor der deutschen Einheit. Das heißt, konzeptionell war eine gewisse Leere zu verzeichnen, die sich bis heute weiter verschärft hat. Praktisch hat die Partei seit 15 Jahren nicht mehr diskutiert.

Auf den Kanzler kommt es an, sagen Strategen. Ist der Kanzler und SPD-Chef am Ende“
Gerhard Schröder hat immer noch ein wichtiges Pfund: Es gibt keinen innerparteilichen Gegenspieler. Es gibt keinen faszinierenden Ministerpräsidenten mit einer starken Hausmacht, der ihn herausfordern könnte. Ähnlich sah es bei Helmut Kohl in den 90er-Jahren aus. Und er hat auch noch acht Jahre regiert.

SPD-Chef Rudolf Scharping wurde in Krisenzeiten von Oskar Lafontaine aus dem Amt gefegt. Ist so etwas noch einmal denkbar„
Mit Lafontaine nicht. Viele, die d amals große Erwartungen hegten, sind enttäuscht. Die jüngere Generation, die sich zu Wort meldet, muss ihren eigenen Repräsentanten hervorbringen. Was sollte Lafontaine auch bringen“ Seine Stärke war, bestimmte Themen zu finden und politisch dominant zu machen. Doch das gelang ihm zuletzt vor 15 Jahren, als es um Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich ging. Alle weiteren Versuche versandeten.

Die Linken fordern eine "Neuaufstellung" von Regierung und Partei. Wäre das ein geeignetes Rezept„
Es ist nicht so einfach, wie die Linken sich das vorstellen. Wir haben es doch mit einem großen Widerspruch zu tun: Auf der einen Seite haben viele mit der SPD nichts mehr am Hut, weil sie nach ihrem Empfinden nicht mehr energisch genug für den Sozialstaat eintritt.

Und auf der anderen Seite“
. . . sind auch gut ausgebildete und hoch qualifizierte Leute bitter enttäuscht von der SPD. Allerdings aus dem Motiv heraus, dass verkrustete Strukturen abgebaut werden müssen, um wieder in den Arbeitsprozess eintreten zu können. Das heißt, die Erwartungen der Enttäuschten gehen in zwei völlig verschiedene Richtungen. Und das ist das Problem der Sozialdemokraten. Die Linken nehmen dabei nur eine Erwartung, nämlich die der Profiteure des Sozialstaats auf.

Könnte ein Sonderparteitag, wie ihn prominente Linke fordern, für ein reinigendes Gewitter sorgen„
Die Probleme wären damit sicher nicht gelöst. Aber dass sich die Partei damit aus der Erstarrung eines Kanzlerwahlvereins lösen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Partei muss sich wieder selbst entdecken, um eigene Ideen und Konzeptionen zu entwickeln. Ein Sonderparteitag könnte den Beginn dieses Prozesses markieren. Der Sozialstaat ist ein historisch gewachsenes Identitätsmerkmal der SPD. Eine abrupte Wende funktioniert nicht, weil sofort die Frage auftaucht, wofür die Partei dann noch gebraucht wird, wenn sie die gleichen Antworten gibt wie Union oder FDP. Sie muss die sozialstaatliche Stellung intelligenter und moderner machen, was zweifellos eine schwierige Sache ist.

Angenommen, Gerhard Schröder würde Sie um Rat bitten. Was könnte er in dieser düsteren Lage tun“
Ich glaube, ich würde den Termin mit ihm platzen lassen. Stattdessen würde ich mich auf die Generation nach Schröder konzentrieren, um deren Courage anzustacheln, nach vorn zu preschen. Das könnten zum Beispiel Matthias Platzeck in Brandenburg und Wolfgang Tiefensee in Sachsen sein.

Schröder ist ein Mann der Vergangenheit?
Jedenfalls kein Mann über das Jahr 2006 hinaus.

Mit FRANZ WALTER
sprach Stefan Vetter