Frau Kurth, diesen Donnerstag kommen ihre Ministerkollegen und das erste was sie sehen, sind streikende Lehrer. Wie gefällt ihnen das?
Das ist das gute Recht von angestellten Lehrern und Gewerkschaften, ihre Forderungen zu artikulieren. Ich habe aber schon Sorge um das Image des Lehrerberufs. Wir brauchen eine Wertschätzung für unsere Lehrer, die wirklich einen ganz tollen Job machen. Doch es muss das richtige Maß gefunden werden. Mitten in der Prüfungsvorbereitung, die wir gerade haben, ist das Verständnis für Lehrerstreiks bei Eltern und Schülern nicht allzu groß.

Es wurde öfter gestreikt, als sie noch nicht Kultusministerin waren.
Wir haben in den letzten drei Jahren gemeinsam mit den Gewerkschaften und Verbänden Einiges auf den Weg gebracht, wie die Eingruppierung für Grundschullehrer und ausgebildete Förderschullehrer. Auch die Oberschullehrer, die mit Entgeltgruppe 11 eintreten in den Beruf, steigen dann weiter auf. Wir haben auch über bessere Bedingungen an den Schulen gesprochen - da sind wir noch dabei. Das alles ist gemeinsam auf den Weg gebracht, darüber bin ich sehr froh. Wenn dieser Doppelhaushalt so verabschiedet werden kann, haben wir zum ersten Mal eine verlässliche Lehrerplanung über eine ganze Legislaturperiode. Die Streiks, die wir jetzt haben, sind Tarifauseinandersetzungen aufgrund der Tarifverhandlungen in Potsdam.

Sie müssen also nicht mehr ihren Stellenplan auf Kante nähen, wie noch am Anfang?
Ich wollte nie wieder sagen, dass etwas auf Kante genäht ist. Jetzt haben wir eine sehr seriöse und stringente Lehrereinsatzplanung, die ist der Schülerzahl angemessen. Wir haben auch auf die steigenden Schülerzahlen reagiert. Trotzdem betreiben wir keine Einsatzplanung auf Vorrat, dazu stehe ich auch. Wir müssen weiter beharrlich daran arbeiten, den Unterrichtsausfall zu senken. Aber dazu müssen wir keine Lehrer auf Vorrat einstellen.

Für einen Vorrat würde auch der Nachwuchs fehlen. Sie sprachen vom Image des Lehrerberufs, wie sieht das denn aktuell aus?
Das Thema Bildung ist in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt. Junge Menschen haben sehr wohl begriffen, dass sie eine gute Ausbildung brauchen, wenn sie ihr Leben gut gestalten wollen. Deshalb ist der Lehrerberuf in aller Munde. An den Universitäten haben wir in den Lehramtsstudiengängen inzwischen eine vielfache Überzeichnung. Der Lehrerberuf ist, wenn man den Zahlen folgt, unter den jungen Menschen begehrt und beliebt. Wir können beim Grundschullehramt bei Weitem nicht alle Bewerber für einen Studienplatz berücksichtigen. Bei den Mittelschulen haben sich die Einschreibezahlen verbessert. Das überrascht und erfreut mich.

Der Lehrernachwuchs macht nicht immer das, was die Kultusverwaltung gern hätte. Er will ans Gymnasium, will lieber Deutsch als Mathe lehren, obwohl Mathelehrer dringend gebrauch werden. Wie können Sie da nachhelfen?
Natürlich haben wir da noch Hausaufgaben zu erledigen. Wir haben immer noch das begehrte gymnasiale Lehramt und das weniger begehrte Mittellehramt. Die Naturwissenschaften stehen nicht so hoch im Kurs wie die Gesellschaftswissenschaften. Und unsere jungen Menschen möchten fast alle ausschließlich in die urbanen Zentren. Leipzig und Dresden sind die ganz großen Renner, in den ländlichen Raum geht man nicht so gerne. Hier ist die ganze Gesellschaft gefragt, Anreizsysteme zu schaffen für Lehrer, die in den ländlichen Raum gehen. Wir werden in diesem Wintersemester erstmalig das Lehrerstipendium auflegen: Wer sich für einen ländlichen Einsatzort entscheidet, wird schon während des Studiums finanziell gefördert. Wir sind zudem dabei, mit den Kommunen ein Willkommenspaket zu schnüren für Lehrer im ländlichen Raum - vielleicht mit Kita-Platz, Wohnraum oder Bauland. Das ersetzt zwar nicht die Großstadt, verbessert aber die Rundumbedingungen.

Sie werben um Lehrer aus anderen Bundesländern. Wie finden das denn ihre Kollegen? Der Nachwuchs ist schließlich überall recht knapp.
Das wird sicher am Rande der Kultusministerkonferenz, in den Pausen, ein Thema sein. Der Generationswechsel in den Lehrerzimmern steht in allen Ländern auf der Tagesordnung. Ich habe mir auf die Fahne geschrieben, nicht in anderen Bundesländern zu wildern. Da steht für mich Kollegialität. Wir haben Vereinbarungen getroffen mit Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen. Dort haben wir natürlich gefragt. Diese Länder bilden über Bedarf aus. Wir werben, aber nicht in Form von Wilderei.

Sachsens Bildung wirbt mit Kontinuität. Eine umstrittene Veränderung war die Einführung der Oberschule vor zwei Jahren. Was hat's gebracht?
Am Anfang war viel Aufregung um den Begriff. Das ist jetzt abgeebbt, jetzt beschäftigt man sich mit dem Inhalt. Und der bedeutet, dass mehr Lehrerressourcen an die Schulen gekommen sind, die richtig tolle Dinge angestellt haben. Nämlich die individuelle Förderung von Schülern in der 5. und 6. Jahrgangsstufe, um sie in defizitären Bereichen ans Niveau heranzuführen. Ich lege Wert darauf, dass die Eltern nicht mehr den Druck haben, eine Endentscheidung nach der 4. Klasse zu treffen. Die Oberschulen haben jetzt noch besser die Chance, die Schüler aufs berufliche Gymnasium vorzubereiten. Das macht auch fast ein Drittel jedes Jahrgangs. Aber es ist auch nicht immer erstrebenswert, das Abitur zu machen. Sachsen benötigt dringend Facharbeiter. Dafür ist die Oberschule der ideale Ort.

Was wird denn eigentlich aus dem Dauerthema Zentralabitur. Das haben Sie als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz doch auch auf dem Zettel.
Im letzten Jahr haben wird zum ersten Mal das Sechs-Länder-Abitur durchgeführt. Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Schleswig-Holstein haben in Deutsch, Mathematik und Englisch gemeinsame Aufgabenteile geschrieben. Zum einheitlichen Termin, identische Aufgabenteile. Es ist gut gegangen. Es gab keine Katastrophen. Keine Zwischenfälle.

Keiner hat die Fragen vorher gewusst?
Nein, nichts ist vorher bekannt geworden. Diese sechs Länder können ja unterschiedlicher nicht sein: Ost-West, Nord-Süd, Stadtstaaten, Flächenländer, unterschiedliche politische Farben. Die haben von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen gemeinsam Prüfungen geschrieben. Und die Länder sagen, sie haben daraus Mehrwert gezogen. Schon allein bei den Beratungen. Das ist der Mehrwert, wenn Fachexperten der Bundesländer über Unterrichtsqualität sprechen. Und darüber, wie man die Schüler dazu bringt, dass sie diese Standards bewältigen.

Das wollen Sie doch sicher ausbauen.
Zwei Bundesländer kommen hinzu: Brandenburg 2015 und Bremen 2016. Parallel füllen wir zurzeit einen Abituraufgabenpool, da geben die Länder Aufgaben hinein. Diese Aufgaben werden auf Qualität geprüft, sodass ab 2017 alle Länder aus diesem Pool Aufgaben übernehmen können für ihre Abiturprüfungen. Das ist schon für die Lehrer ein Anspruch, die Schüler darauf vorzubereiten, dass sie diese Hürde meistern können. Diese Dinge sind in Gang. Ich bin bei diesem 6+2-Länder-Abitur ein ganzes Stück optimistisch, dass daraus ein Abitur wird, das wir irgendwann 6+x nennen können.