Frau Kurth, heute kommen Ihre Ministerkollegen und das Erste, was sie sehen, sind streikende Lehrer. Wie gefällt Ihnen das?
Das ist das gute Recht von angestellten Lehrern und Gewerkschaften, ihre Forderungen zu artikulieren. Ich habe aber schon Sorge um das Image des Lehrerberufs. Wir brauchen eine Wertschätzung für unsere Lehrer, die wirklich einen ganz tollen Job machen. Doch es muss das richtige Maß gefunden werden. Mitten in der Prüfungsvorbereitung, die wir gerade haben, ist das Verständnis für Lehrerstreiks bei Eltern und Schülern nicht allzu groß.

Der Lehrernachwuchs macht nicht immer das, was die Kultusverwaltung gern hätte. Er will ans Gymnasium, will lieber Deutsch als Mathe lehren, obwohl Mathelehrer dringend gebraucht werden. Wie können Sie da nachhelfen?
Natürlich haben wir da noch Hausaufgaben zu erledigen. Wir haben immer noch das begehrte gymnasiale Lehramt und das weniger begehrte Mittellehramt. Die Naturwissenschaften stehen nicht so hoch im Kurs wie die Gesellschaftswissenschaften. Und unsere jungen Menschen möchten fast alle ausschließlich in die urbanen Zentren. Leipzig und Dresden sind die ganz großen Renner, in den ländlichen Raum geht man nicht so gerne. Hier ist die ganze Gesellschaft gefragt, Anreizsysteme zu schaffen für Lehrer, die in den ländlichen Raum gehen.

Wir werden in diesem Wintersemester erstmalig das Lehrerstipendium auflegen: Wer sich für einen ländlichen Einsatzort entscheidet, wird schon während des Studiums finanziell gefördert. Wir sind zudem dabei, mit den Kommunen ein Willkommenspaket zu schnüren für Lehrer im ländlichen Raum - vielleicht mit Kita-Platz, Wohnraum oder Bauland. Das ersetzt zwar nicht die Großstadt, verbessert aber die Rundumbedingungen.

Sie werben um Lehrer aus anderen Bundesländern. Wie finden das denn Ihre Kollegen? Der Nachwuchs ist schließlich überall knapp.
Das wird sicher am Rande der Kultusministerkonferenz, in den Pausen, ein Thema sein. Der Generationswechsel in den Lehrerzimmern steht in allen Ländern auf der Tagesordnung. Ich habe mir auf die Fahne geschrieben, nicht in anderen Bundesländern zu wildern. Da steht für mich Kollegialität. Wir haben Vereinbarungen getroffen mit Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen. Dort haben wir natürlich gefragt. Diese Länder bilden über Bedarf aus. Wir werben, aber nicht in Form von Wilderei.

Was wird denn eigentlich aus dem Dauerthema Zentralabitur? Das haben Sie als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz doch auch auf dem Zettel.
Im letzten Jahr haben wir zum ersten Mal das Sechs-Länder-Abitur durchgeführt. Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Schleswig-Holstein haben in Deutsch, Mathematik und Englisch gemeinsame Aufgabenteile geschrieben. Zum einheitlichen Termin, identische Aufgabenteile. Es ist gut gegangen. Es gab keine Katastrophen. Keine Zwischenfälle.

Keiner hat die Fragen vorher gewusst?
Nein, nichts ist vorher bekannt geworden. Diese sechs Länder können ja unterschiedlicher nicht sein: Ost-West, Nord-Süd, Stadtstaaten, Flächenländer, unterschiedliche politische Farben. Die haben von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen gemeinsam Prüfungen geschrieben. Und die Länder sagen, sie haben daraus Mehrwert gezogen. Schon allein bei den Beratungen. Das ist der Mehrwert, wenn Fachexperten der Bundesländer über Unterrichtsqualität sprechen. Und darüber, wie man die Schüler dazu bringt, dass sie diese Standards bewältigen.

Das wollen Sie doch sicher ausbauen.
Zwei Bundesländer kommen hinzu: Brandenburg 2015 und Bremen 2016. Parallel füllen wir zurzeit einen Abituraufgabenpool, da geben die Länder Aufgaben hinein. Diese Aufgaben werden auf Qualität geprüft, sodass ab 2017 alle Länder aus diesem Pool Aufgaben übernehmen können für ihre Abiturprüfungen. Das ist schon für die Lehrer ein Anspruch, die Schüler darauf vorzubereiten, dass sie diese Hürde meistern können. Diese Dinge sind in Gang. Ich bin bei diesem 6+2-Länder-Abitur ein ganzes Stück optimistisch, dass daraus ein Abitur wird, das wir irgendwann 6+x nennen können.

Mit Brunhild Kurth

sprach Christine Keilholz

Zum Thema:
Seit dem Jahr 2012 ist Brunhild Kurth Sachsens Kultusministerin, seit Anfang dieses Jahres auch Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Für heute und morgen hat die 60-jährige CDU-Politikerin ihre Kollegen nach Leipzig eingeladen. Parallel zur Buchmesse wollen die Kultusminister der Länder dort über einheitliche Bildungsstandards beraten. Die Ländervergleiche für sprachliche Kompetenz sollen erweitert werden. Auch die Mobilität und Qualität der Lehrkräfte steht auf der Tagesordnung der Konferenz. Am Freitag gesellt sich die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, dazu - dann geht es um den Mindestlohn in kulturellen Einrichtungen. Auch ein Treffen mit Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman ist geplant - man will in den Fächern Geschichte und Sozialkunde enger zusammenarbeiten. chk