Herr Modrow, wie denken Sie heute über den Fall der Mauer?
Ich denke vor allem daran, dass die Grenze nicht nur in Berlin geöffnet wurde. Man fuhr nicht nur nach West-Berlin, man fuhr nach Nürnberg, nach Hamburg und an viele andere Orte auch. Es ist deshalb an der Zeit, 25 Jahre danach das Gesamtereignis der Grenzöffnung zu sehen.

Welche Erinnerung haben Sie an den 9. November 1989?
Auch heute erinnere ich mich daran, dass der Mauerfall ein zufälliges Ereignis war. Wir hatten ganz klar abgemacht, dass Herr Schabowski bei seiner Pressekonferenz diese Problematik nicht anspricht. Wir glaubten alle, es gibt eine Mitteilung, dass jeder die DDR verlassen kann, wenn er es will und sich vorher bei der Volkspolizei eine Genehmigung geholt hat. Das sollte ab 10. November um zehn Uhr administrativ gelten, um den Lauf der Dinge beherrschen zu können. Die Auskünfte von Herrn Schabowski haben dann zu einer anderen Entwicklung geführt .

Hätte sich das Ende der DDR so noch irgendwie verhindern lassen ?
Nein. Die DDR würde es heute nicht mehr geben. Aber die Entwicklung wäre eine andere gewesen. Auch zu meinem Nutzen. Denn ich wurde der Ministerpräsident der DDR, die Grenze war geöffnet. Wäre alles kontrolliert abgelaufen, wie wir es damals vorhatten, wäre unsere Position gegenüber der Bundesrepublik eine bessere gewesen. Dann hätten wir beispielsweise in echte Verhandlungen eintreten können, wie beide Staaten mit dem Strom der Menschen umgehen.

Fühlten Sie sich als Spielball von Helmut Kohl?
Wir wissen doch inzwischen alle, wie Kohl auch uns gesehen hat. Ich habe mich als ein Verantwortlicher gefühlt, der die Stabilität des Landes bewahren wollte.

Haben Sie damals das Thema Reisefreiheit unterschätzt?
Wir haben häufiger darüber gesprochen, anders mit der Thematik umzugehen. Es gab jedoch einige in der Führung, die der Meinung waren, das ist mehr der Abschaum, der die DDR über Ungarn verlässt. Ich habe gesagt, das ist ein großer Irrtum, es sind hochqualifizierte Leute, wir müssen uns anders verhalten. Im hohen Maße waren es doch unsere inneren Probleme, die die Menschen zum Verlassen der DDR gebracht haben.

Mauer-Tote, das Stasi-System, die Verfolgung politisch Andersdenkender - haben Sie Schuldgefühle ?
Zunächst habe ich einen differenzierteren Blick als Sie. Wir haben in der DDR mehr gemacht als Kinder nur auf den Topf zu setzen. Auch wir haben sie ins Leben geführt und sie darauf vorbereitet. Was ich damit sagen will, ist: Es gibt viele Dinge, die zur Diskreditierung des Ganzen herangezogen werden. Da mache ich nicht mit.

Sie machen es sich einfach. Das eine relativiert das andere doch nicht .
Ich relativiere nicht. Wir müssen aber die Geschichte beider deutscher Staaten unvoreingenommener und differenzierter betrachten. Gerade weil es nach 25 Jahren immer noch eine Zweiheit von Ost und West gibt.

Den Opfern hilft das nicht. Sind Sie nachdenklicher geworden?
Ja. Ich weiß sehr wohl, dass es Unrecht gegeben hat, und ich stelle dies nicht infrage.

Wie ist dann ihr heutiger Blick auf Diktaturen - beispielsweise auf China?
Ich war oft in China. Wer heute über so eine Frage spricht, muss sich zunächst eine andere stellen: Wer in der Welt möchte für 1,4 Milliarden Menschen die Verantwortung übernehmen? Bevor ich die zweite Seite eines Landes sehe, will ich auch die erste sehen.

Wie meinen Sie das?
Wer meint, man muss auf Länder wie China drücken, damit sie ein anderes werden, der sollte sich die Lage im Irak oder in Libyen anschauen. Jeder muss sich fragen, was er selbst täte, wenn er in einem Land wie China die Verantwortung hätte.

Also heiligt der Zweck die Mittel?
Nein. Ich habe die Ereignisse im Juni 1989 auf dem Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens, nie begrüßt. Und denken Sie doch auch an den Herbst 1989 in der DDR: Zehntausende Menschen haben zum Beispiel damals versucht, die Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen zum Stoppen zu bringen. Ab 8. Oktober gab es keine Gewalt mehr.

Es gibt ja inzwischen so etwas wie eine Ostalgie. Bei Ihnen auch?
Für mich gibt es diesen Begriff nicht. Was wir erreichen müssen ist, dass wir uns gegenseitig mit unseren Biografien achten. Und nicht erst dann, wenn sich einer genügend verbeugt hat.

Mit Hans Modrow

sprach Hagen Strauß