Es ist jedes Mal ein schwerer Gang. An jedem Verhandlungstag gehen Alyssas Eltern auf die Reise von Eichwalde nach Cottbus. Als Nebenkläger sitzen Mutter Jeannette und Vater Andreas dann im Gerichtssaal, in dem immer wieder über die schrecklichen Details um den Tod ihrer damals 14-jährigen Tochter gesprochen werden muss. Das Paar hält sich an den Händen. Sie wollen es gemeinsam ertragen.

Erfahren haben sie in vielen Verhandlungstagen seit dem Sommer, dass ihre Tochter übers Internet an einen wunderlichen Sonderling geraten war. Der inzwischen 21-jährige Maurice M. sitzt ihnen dann jedes Mal direkt gegenüber. Er hat den Blick stets tief gesenkt und kritzelt fast unablässig irgendetwas in einen fast leeren Aktenordner. Ehemalige Mitschüler zeichneten von ihm bereits das Bild eines Eigenbrötlers ohne Freunde, der ihnen vor allem durch haltlose, ausländerfeindliche Sprüche in Erinnerung geblieben ist. Über ihn, sein Leben und seine Familie wussten die Mitschüler alle nichts.

Ganz im Gegensatz dazu Alyssa: Im Gerichtssaal entstand am gestrigen Montag, einen Tag, bevor sich die schreckliche Tat jährt, das Bild eines aufgeschlossenen Mädchens. Sie hatte viele Freunde, war einfühlsam und wollte wohl niemandem wehtun. So erzählen es Schulfreunde und Bekannte den Richtern der 3.Großen Strafkammer vor dem Cottbuser Landgericht.

"Ich war ihre beste Freundin. Sie hat mir alles erzählt". Die 15-jährige Jennifer berichtete den Richtern, wie sich ihre Freundin Alyssa von Maurice M. unter Druck gesetzt fühlte. Immer wieder habe er gedroht sich etwas anzutun, wenn Alyssa die Beziehung beenden würde. "Sie wollte einfach nicht schuld sein", sagt Jennifer. Dabei habe Alyssa sehr frühzeitig gemerkt, dass sich Maurice M., den sie in einem Internet-Netzwerk kennengelernt hatte, "völlig falsche Hoffnungen machte".

Ja, sie habe ihm einmal geschrieben, dass sie ihn "liebe". Doch das sei gewesen, als er ihr vorgejammert habe, dass ihn keiner möge und ihn keiner "lieb habe". Die 14-Jährige war vollkommen überfordert von der Situation. Ihrem Tagebuch vertraute Alyssa in dieser Zeit an: "Plötzlich wurde ich Schatz genannt. Ich war wohl zu naiv und gutmütig." Mit Hunderten Kurznachrichten hatte sie Maurice immer wieder unter Druck gesetzt.

Aber spätestens nachdem der aufdringliche Verehrer aus Nordrhein-Westfalen im Herbst vorigen Jahres zum ersten Mal in Eichwalde auftauchte, war Alyssa klar, dass sie die Beziehung zu ihm beenden musste. Sie wollte es in kleinen Schritten tun, ihn dabei nicht allzu sehr verletzen.
Es war das aufregende, vernetzte Leben einer ganz normalen und attraktiven 14-Jährigen, dass Alyssa lebte. Sie hatte viele Freunde und jugendliche Verehrer, die mit ihr lachten und von denen einige versuchten, ihr auch bei der Lösung ihrer persönlichen Probleme zu helfen.

Der 17-jährige Angelo, der im gleichen sozialen Netzwerk wie Alyssa und Maurice "unterwegs" war, schrieb dem Sonderling aus Nordrhein-Westfalen, er solle "Alyssa in Ruhe lassen".

All die Beschreibungen der Freunde um die Kämpfe ihrer heranwachsenden Tochter mussten Alyssas Eltern am Montag im Cottbuser Gerichtssaal noch einmal ertragen. Sie hatten ein offenes und entspanntes Verhältnis zu ihr und versuchten auf diese Weise wohl auch den riesigen Schmerz zu verarbeiten, der ihre eigenes Leben am 28. November 2013 so brutal aus der Bahn warf.

Am kommenden Montag sollen dann zum ersten Mal Ermittler der Polizei vor Gericht aussagen, die vor einem Jahr am Tatort in Eichwalde im Einsatz waren.