Halb sechs Uhr morgens in Cottbus-Dissenchen. Dunkelheit liegt über der Justizvollzugsanstalt. Der Innenhof wird von zahlreichen Lampen erhellt. „Alles in Ordnung, die haben ruhig geschlafen“ , verabschiedet sich der Kollege der Nachtschicht von Elena Marten. In den nächsten acht Stunden hat die 45-Jährige die Verantwortung für 39 Männer, Untersuchungshäftlinge im Haus zwei, zweite Etage.
Elena Marten, mittelgroß, dunkle Haare, lebhafte Augen, wurde in Rumänien geboren. Mitte der 80-er Jahre kam sie nach Deutschland. „Ich habe mal Klempnerin gelernt“ , erzählt sie. Später schulte sie um auf eine kaufmännische Beschäftigung. 1994 war sie arbeitslos.
Als sie ein Inserat las, in dem Mitarbeiter für den Strafvollzug gesucht wurden, bewarb sie sich. Sie spricht Rumänisch, Bulgarisch und Russisch, was vermutlich half, dass sie genommen wurde.

Abwechslung statt Routine
Damals gab es viele rumänische Häftlinge in Cottbus, die Verständigung war schwierig. Elena Marten übersetzte. Inzwischen hat sie fast acht Jahre Berufserfahrung. „Am Anfang hatte ich Zweifel, ob ich das kann, jetzt mache ich den Job gerne“ , sagt sie und schließt die Hafträume der beiden Hausarbeiter auf. Diese bereiten das Frühstück vor.
Elena Marten schaut derweil auf den Tagesplan ihrer Abteilung. Wer muss heute zum Gericht, wer zum Arzt, wer bekommt Besuch vom Anwalt und wer wird aus der Haftanstalt verlegt. Wer muss von anderen Gefangenen getrennt bleiben, wer darf nicht allein sein, weil er selbstmordgefährdet ist. Alles muss täglich aktualisiert und genau beachtet werden. „Routine ist das nur auf den ersten Blick, hier gibt es ständig Abwechslung“ , sagt Elena Marten.
Inzwischen ist es Viertel nach sechs. Kurz klopft sie an die erste Tür, schließt auf: „Guten Morgen, Frühstück.“ 37-Mal wiederholt sich das. Von Haftraum zu Haftraum geht sie, neben sich die beiden Hausarbeiter, zwei besonders vertrauenswürdige Gefangene, die Kaffee, Weißbrot, Butter und Marmelade austeilen. Außerdem gibt es bei Bedarf Formulare und Umschläge für Anträge bei Gerichten und Behörden.
Viele Gefangene nehmen grußlos und mürrisch ihren Teller. Gut die Hälfte von ihnen überragt die diensthabende Beamtin um Haupteslänge. Achselhemden geben bei einigen Männern den Blick frei auf kräftige Oberarmmuskeln und großflächige Tätowierungen. Nicht alle Häftlinge stehen auf. Frühstück ist nicht Pflicht. Elena Marten muss jedoch nachschauen, ob jeder, der nicht aufsteht, tatsächlich noch da ist.
Angst, so versichert sie, habe sie nicht, doch vorsichtig müsse man sein und aufmerksam. An ihrem Gürtel hängt ein Sprechfunkgerät. Ein kurzer Druck auf den roten Knopf und es wird Alarm ausgelöst. Alle Kollegen in der Nähe eilen dann sofort zu Hilfe. Doch sie hat den Alarmknopf noch nie gebraucht. Nach dem Frühstück ist Zeit für einen schnellen Kaffee mit den Kollegen auf den drei Etagen im Haus.

Unzählige Male Schlüssel drehen
Sie hat nie versucht zu zählen, wie oft sie in den vergangenen Jahren mit den schweren Schlüsseln Flurgitter und Türen auf- und zugeschlossen hat. Die Handbewegung ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen, eine Selbstverständlichkeit, über die sie nicht nachdenkt. Doch Nachlässigkeit darf sich, auch zur eigenen Sicherheit, nicht einschleichen.
„Man muss mit den Leuten umgehen können, zuhören, Ratschläge geben, niemanden von oben herab behandeln und sich an Absprachen halten“ , beschreibt sie, was sie an ihrem Job für wichtig hält. Neulich vertraute ihr ein Häftling an, dass er nicht lesen und schreiben kann. Jetzt besucht er einen Lehrgang in der Haftanstalt, um es zu lernen. Elena Marten hat das vermittelt.
Während sie einen Kaffee trinkt, beginnt kurz nach sieben Uhr Frank Friebel seinen Dienst in Haus sechs, der Jugendabteilung. Der 42-Jährige war früher Berufssoldat und suchte Anfang der 90er- Jahre einen neuen Job. Schon zu DDR-Zeiten hatte man versucht, ihn für den Dienst im Gefängnis zu werben. Damals hatte er abgelehnt: „Ich wollte mit Kriminellen nichts zu tun haben.“ Inzwischen versieht er seinen Dienst im Cottbuser Jugendstrafvollzug „mit Herz und Seele“ wie er sagt.
Friebel kann sich noch gut an seinen ersten Ausbildungstag erinnern, den er im Gefängnis Berlin-Tegel absolvierte: „Dort sitzt alles ein, vom Eierdieb bis zum Mörder, ich hatte mächtig Respekt und richtig Angst vor diesen riesigen Hallen.“ Angst hat er längst nicht mehr. Nach vier Wochen sei die weg gewesen: „Damit ist man in einer Haftanstalt am falschen Platz.“
Bei Elena Marten in Haus zwei ist inzwischen Freistunde. Dreimal an jedem Vormittag für je eine Stunde dürfen die Untersuchungsgefangenen in einem abgetrennten Hofbereich an die frische Luft. Die Vollzugsbeamtin teilt sich dabei mit Kollegen die Bewachung: Einer bei den Gefangenen, einer hinter einem Zaun, um Alarm auszulösen, falls der Kollege angegriffen wird. Zwischen den Freistunden begleitet sie Häftlinge zur Arbeit, schließt Türen auf und zu, damit Gefangene zum Duschen gehen können oder zum Arzt. Sie macht Stichproben in den Räumen der Gefangenen, sucht nach versteckten Handys, Alkohol oder Rauschgift. Ruhe gibt es kaum.
Frank Friebel und Elena Marten kennen die Haftgründe „ihrer“ Gefangenen. Alle würden gleich behandelt, egal was sie getan hätten. Bei manchen Sexual- und Gewalttätern müssten sie sich jedoch schon zusammennehmen, räumen beide ein. „Gerade wenn Kinder die Opfer waren, fällt das schwer“ , sagt Elena Marten.
Manchmal empfindet sie aber auch Mitleid. Schicksale junger Gefangener, die aus zerrütteten Familien kommen oder Lebensgeschichten von Männern, die nach Jahrzehnten eines normalen Lebens im Alter im Gefängnis landen, gehen ihr unter die Haut. Nie jedoch, versichert sie, verliere sie dabei die nötige Distanz. „Man muss klare Grenzen ziehen, das spricht sich sonst herum“ , sagt die Mittvierzigerin. Dazu gehört: keine Gefälligkeiten und schon gar keine Geschäfte mit Gefangenen. Auch Frank Friebel passt auf, dass er für seine jugendlichen Anstaltsinsassen kein Vaterersatz wird.
Friebel vertritt heute den stellvertretenden Bereichsleiter im Jugendvollzug. Das bedeutet: viel Schreibtischarbeit. Akten lesen, Schriftwechsel mit Gerichten und Staatsanwaltschaften, Besprechungen mit Anstaltsleitung, Psychologen und Sozialarbeitern. Dazu kommt die Kontrolle der Gefangenenpost.

Zeit für Gespräche
Fünfzehn Uhr am Nachmittag. Elena Marten hat seit einer Stunde Feierabend und ist schon zu Hause bei ihrer Familie. In Friebels Abteilung wird es jetzt richtig lebendig. In kleinen Gruppen kommen die Jugendlichen aus den Unterrichtsräumen und Werkstätten zurück in das Hafthaus. Es wird erzählt, Zurufe schallen über den Gang und Lachen. Vor den Türen stehen Besen, Schrubber und Eimer bereit. Heute ist Putztag. Jeder Gefangene reinigt seinen Raum selbst.
Erst danach ist Zeit für Gespräche mit Häftlingen. Heute ist Torsten (Name geändert) dran, ein schlaksiger dunkelblonder Junge aus dem Spree-Neiße-Kreis, der seit einem Jahr einsitzt. Die Haftanstalt muss ihn beurteilen, weil zwei Drittel seiner Strafe verbüßt sind und über eine vorzeitige Entlassung entschieden werden muss.
Weil Torsten jedoch vor Monaten hinter Gittern einen anderen Gefangenen drangsalierte, gibt es ein neues Verfahren gegen ihn. Bevor das vorbei ist, wird er nicht freikommen. Torsten weiß das. Frank Friebel, der früher mit dem Gedanken spielte, Sozialarbeiter zu werden, nimmt sich Zeit. Er redet mit Torsten nicht nur über sein Verhalten in der Anstalt, sondern auch über seine Pläne, nach der Haft eine Ausbildung zu machen, und über Probleme des jungen Mannes mit seiner Freundin. Vorgesehen sind für die Besprechung einer solchen Beurteilung fünf bis zehn Minuten. Das Gespräch mit Torsten dauert eine dreiviertel Stunde. „Man kann da nicht auf die Uhr sehen“ , sagt Friebel, der oft Überstunden macht.
Seine Frau sei unruhig, wenn er später als geplant nach Hause komme. Sie habe Angst, dass es doch mal zu einem gefährlichen Zwischenfall kommen könnte. Über Probleme in seinem Job spricht Frank Friebel deshalb nur mit Kollegen, nicht mit seiner Familie.
„Ich muss immer irgendwo noch Hoffnung sehen“ , begründet er, warum er lieber im Jugendstrafvollzug arbeitet, als mit erwachsenen Häftlingen. Erfolg und Misserfolg liegen dabei dicht beieinander. Vorige Woche traf Friebel drei ehemalige Insassen seiner Abteilung, die jetzt eine Entziehungskur machen, um ihre Sucht zu bekämpfen. „Die haben stolz erzählt, wie es ihnen jetzt geht“ , sagt Friebel. Ein anderer junger Mann, der in Cottbus einsaß und mit dem er viele Gespräche geführt hatte, zog vor kurzem, nur wenige Monate nach seiner Entlassung, wieder in die Haftanstalt ein.
Am späten Nachmittag gibt es Alarm. Frank Friebel läuft sofort los um zu helfen. Nach wenigen Minuten stellt sich heraus, die Notruftaste wurde aus Versehen gedrückt. Kurz darauf fragt ein Kollege, der noch in der Ausbildung steckt, Friebel um Rat. Unter der Dusche, so berichtet er, hätten sich Jugendliche geprügelt. Die zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen nicht nur im Gefängnis beunruhigt Friebel.
Seit kurzem engagiert er sich bei einem Antiaggressionstraining mit jungen Gefangenen: „Sie müssen da noch mal ganz detailliert ihre Straftat in allen Einzelheiten schildern, damit sie das noch mal richtig durchleben.“ Durch diese Konfrontation, so die Hoffnung, könnten sie den Einstieg schaffen in ein künftig gewaltfreies Leben.
Kurz vor achtzehn Uhr schließt Frank Friebel an diesem Tag sein Büro zu und geht nach Hause. Elf Stunden hat er in der Haftanstalt verbracht. Im Innenhof brennen inzwischen schon wieder die Lampen. Dunkelheit liegt über Cottbus-Dissenchen. In dreieinhalb Stunden beginnen die Kollegen der Nachtschicht ihren Dienst.

Hintergrund Justizvollzugsanstalt Cottbus-Dissenchen
  Das Gefängnis wurde im April 2002 eröffnet und löste eine alte Haftanstalt in der Innenstadt ab.
Die Hälfte der 600 Haftplätze steht für verurteilte Männer zur Verfügung, darunter auch solche mit lebenslanger Haft. Die restlichen Plätze teilen sich Untersuchungshaft und Jugendstrafvollzug.
In Cottbus-Dissenchen sind knapp 200 Beamte im „allgemeinen Vollzugsdienst“ beschäftigt. Ein Viertel davon sind Frauen.