Cottbus. Nein, erträumt hatte sie sich eigentlich etwas ganz anderes. Annett Seifert, 1968 in Schwedt geboren, wollte schon als junges Mädchen Hotelchefin werden. "Ich mag es, mich um die Menschen um mich rum zu kümmern", sagt sie. "Ich will, dass sich alle wohlfühlen." Sie war bereit, für diesen Traum viele Opfer zu bringen. Dass er sich dennoch nicht erfüllt hat - heute kann sie darüber lachen.

Zu DDR-Zeiten gab es nur einen Weg, die Leitung eines Hotels zu übernehmen: Man musste ein Studium an der Leipziger Handelshochschule absolvieren. "Dort wurden aber jedes Jahr nur 40 Bewerber aufgenommen", erinnert sich Annett Seifert. Als sie die Schule abgeschlossen hatte, bewarb sie sich um einen der begehrten Plätze - vergeblich.

"Also wollte ich erstmal eine Kellnerlehre machen, um meinem Ziel ein Stückchen näher zu kommen." Doch eine Lehre nach dem Abitur war im Ausbildungssystem der DDR nicht vorgesehen. "Meine Eltern mussten zum Gespräch, ich wurde bekniet, ein anderes Studium zu beginnen, trotzdem ließ ich nicht locker." Schon hier zeigte sich, dass sie ausgesprochen hartnäckig sein konnte,wenn es um das Durchsetzen ihrer Ziele ging.

Sie absolvierte die Lehre und bewarb sich anschließend erneut in Leipzig, dank der Unterstützung einer Kaderleiterin mit mehr Erfolg. Aus dem großen Traum vom Arbeiten im Hotel wurde dennoch nichts, die Wende durchkreuzte alle Zukunftspläne. "Ich merkte schnell, dass im Westen ganz andere Wege in die Führungsetagen der Hotels führten." Sie hätte wieder klein anfangen und sich von der Pike auf hocharbeiten müssen.

Die Diplomökonomin wechselte in die Finanzbranche, wurde Firmenkundenberaterin der Deutschen Bank in der Nähe von Berlin. "Eine verrückte Zeit. Ärzte, Handwerker, Geschäftsleute - alle brauchten Kredite." Sie selbst hatte zwar alle nötigen theoretischen Kenntnisse. "Aber vom richtigen Leben wussten meine Gesprächspartner oft mehr als ich." Allzu dumm scheint sie sich nicht angestellt zu haben. Die Bank bot ihr eine Führungsposition in der Filiale an. "Aber ich hatte gerade gemerkt, dass ich schwanger bin und da wäre es unfair gewesen, den Job anzunehmen." Mit Beginn des Mutterschutzes wagte sie den Sprung in die Selbstständigkeit. "Mein Mann und ich, wir wollten unabhängig sein, das war unser Ziel." Diesen Traum wollte die zielstrebige Frau nicht aufgeben. Christian Seifert, der gerade sein Studium beendet hatte, wollte zusammen mit einem Freund in Hoyerswerda ein Reha-Zentrum eröffnen. "Aber von Berlin nach Hoyerswerda, das fiel mir ausgesprochen schwer", gibt Annett Seifert zu. Sie ließ sich von dem Enthusiasmus der Männer anstecken, half, in Hoyerswerda Pionierarbeit zu leisten. Schnell fanden sich auch die ersten Patienten aus Cottbus ein, der Gedanke an eine Zweigstelle lag nahe. "Wir haben kurz überlegt, uns dann aus der alten Firma gelöst und die erste Reha Vita gegründet." Damals noch ganz bescheiden, mit fünf Therapeuten und einer Anmeldekraft. Dass aus diesem Betrieb in 15 Jahren ein Unternehmen mit hundert Mitarbeitern erwachsen ist - manchmal muss sich Annett Seifert in den Arm zwicken, weil sie es selbst kaum glauben kann. Dass hinter dem Erfolg 15 Jahre harte Arbeit stehen, der Verzicht auf Freizeit und oft auch auf das Familienleben, das sei der Preis, den man zahlen müsse. "Montag kam mein zweiter Sohn zur Welt, Samstag saß ich schon wieder im Büro", erzählt die Geschäftsfrau. Damit sie Mutterschaft und Job vereinbaren konnte, stellte sie ein Laufställchen ins Büro und stillte ihren Sohn zwischen Abrechnungen, Terminen und Mitarbeitergesprächen. "Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich beides sein kann - Mutter und Chefin." Nur, wenn sie die Kinder mal wieder als Letzte aus der Krippe geholt hat, dann habe ihr Mutterherz geblutet. Mehr Zeit für die Familie - als die Reha Vita expandierte und in eine historische Villa in Cottbus umzog, blieb es bei dem Vorsatz. Aber das "sich um andere kümmern", das rückte immer mehr in den Vordergrund.

"Unsere Philosophie ist, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen müssen, damit es den Patienten gutgeht." Also sorgt Annett Seifert, die sich gern als "Innenminister" des Hauses bezeichnet, für ein schönes Ambiente, regelmäßige Mitarbeitergespräche, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und einen modernen Führungsstil. Es geht auf ihr Konto, dass die Reha Vita regelmäßig Auszeichnungen einheimst, das weiß auch ihr Mann. "Sie schafft seit Jahren diesen Spagat zwischen Job und Familie und bringt immer wieder ganz persönliche Ideen ins Unternehmen ein."

Im Mittelpunkt steht sie ungern, wirkt lieber im Hintergrund. "Aber wenn Dinge, die eigentlich klar strukturiert sind, nicht so laufen, wie ich das will, dann werde ich laut", sagt sie. Ohne klare Strukturen, zielführendes Handeln und lösungsorientiertes Denken sei ihr Job nicht machbar.

"Gerade in Krisenzeiten darf ich Probleme nicht an mich rankommen lassen, sonst machen sie mich kaputt." Sie sucht nach Lösungen, immer gemeinsam mit ihrem Mann. Wenn die große Linie stimmt, kann sie sich wieder um das Wohlfühlen kümmern. "Und das ist dann auch ein bisschen so wie in einem Hote l."

Alle bisher veröffentlichten Teile der Porträtserie

finden Sie unter www.lr-online.de/starkefrauen

Zum Thema:
Annett Seifert wurde 1968 in Schwedt an der Oder geboren. Ihr Abitur an der EOS legte sie 1986 ab und begann im Anschluss eine Kellnerlehre. Sie konnte die Lehre verkürzen und bereits 1987 abschließen. Von 1987 bis 1992 studierte Annett Seifert Ökonomie des Binnenhandels mit Spezialisierung Gaststätten- und Hotelwesen an der Handelshochschule Leipzig. Im Anschluss daran absolvierte sie von 1992 bis 1993 ein Traineeprogramm bei der Deutschen Bank in Bielefeld und Herford. 1993 bis 1995 arbeitete sie als Firmenkundenberaterin bei der Deutschen Bank in Bernau. 1995 wurde ihr erstes Kind geboren, kurz darauf machte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Christian Seifert in Hoyerswerda selbstständig. 1998 gründete das Paar die erste Reha Vita in Cottbus. Heute beschäftigt das expandierende Unternehmen 100 Mitarbeiter. Die Reha Vita wurde u.a. als "bester Arbeitgeber" ausgezeichnet.