Etwas schwergewichtig und kurzatmig steigt der Unternehmer morgens um 7 Uhr aus dem Auto, neben ihm seine Frau ( „Sekretärin, Held und Engel meines Lebens“ ). Die beiden überqueren den Hof der Fränkischen Rohrwerke im Schwarzheider Gewerbegebiet. Modern, sauber, wie frisch geputzt das ganze Gelände. „Hallo, Sokrates“ ruft einer, man ist per Du und begrüßt sich mit Handschlag. Der Werksleiter strahlt, versucht zu erklären, was ihn so glücklich macht inmitten dieser nicht gerade gesegneten Region. „Wir, das Werk, die Kollegen, das ist einfach etwas ganz besonderes. Wir sind eine Familie, ein Team. Das beste Team, dass es derzeit gibt in der Wirtschaft.“ Nach Worten suchend, versucht er seine Superlative zurückzunehmen, sagt dann doch wieder: „Nein, es stimmt ja: Unser Team ist das beste.“
Sokrates Giapapas, Grieche, 67 Jahre alt. Seit dem Studium in Berlin, bei dem ihm seine Frau unter die Arme griff, hatte der Verfahrenstechniker Kontakte zu den Fränkischen Rohrwerken, leitete später als Kooperationspartner der Fränkischen ein Unternehmen in Griechenland, meldete zwei Weltpatente an, pflegte seine internationalen Kontakte – und langweilte sich wohl ein wenig.
Als jedenfalls die Inhaberfamilien der Fränkischen ihn baten, sein Werk in Griechenland abzugeben, den Erfolg einzutauschen gegen ein fast schon waghalsiges Abenteuer in der Lausitz, schlug er begeistert ein. „Am 1. Januar 1997 fingen wir hier in Schwarzheide an“ , erinnert er sich. „Mit einer kleinen Halle, einem Zelt und sieben Mann.“
Doch was Giapapas, seine Geldgeber und seine Mitarbeiter vor ihrem geistigen Auge sahen, war nicht diese kleine Halle – sie hatten die Vision eines der modernsten Kunststoffwerke der Welt.
Der „Beweger“ , wie er sich selbst nennt, muss sich unterbrechen. Das Telefon, Wirtschaftsministerium. Der Minister will einen Vortrag zusagen – Giapapas freut sich. „Auch so ein Netzwerk“ , erklärt er. „Wir wollen die vier Landkreise der Gegend an einen Tisch bringen, mit der Landesregierung die Vergabepraxis von Aufträgen abstimmen.“ Eine Strategie, die er sich bei den Sachsen abgeguckt hat. „Die sind pfiffig, von denen kann man lernen.“
Wieder versucht er, sein kleines Wirtschafts-Wunder zu erklären. Den Aufstieg zu einer expandierenden 75-Mann-Firma mit 33 Millionen Euro Jahresumsatz. Schnell greift er zum Taschenrechner, staunt selbst ein wenig: „400 000 Euro Umsatz pro Mitarbeiter, das schafft sonst keiner.“
Und schon wieder das Telefon, Ali, ein Geschäftsfreund, es geht um Investoren. „Die betreuen wir mit der BASF zusammen.“ Mal wieder, was sonst, ein Netzwerk.
Ein Mitarbeiter schaut ins Büro. „Sokrates, die Besprechung. . .“ Doch Sokrates lässt sich nicht drängen. Erzählt von den üppigen Sozialleistungen für seine Leute, von Personalentwicklung, Ideenmanagement und seinem Traum, den er immer wieder vermitteln will in Schwarzheide. „Ich möchte einfach begreiflich machen, dass wir hier etwas aufbauen, von dem noch die Kinder und Kindeskinder unserer Leute profitieren können.“
Und schon ist er bei seinem Lieblingsthema, der Bildung. „Wir müssen überall sparen, was wir nur können. Und alle Finanzen und Kräfte in die Bildung stecken. Die bringt uns Zukunft, Hoffnung, Chancen.“
Wie aufs Stichwort klingelt wieder das Telefon: Um ein Projekt geht es diesmal, bei dem Lehrer in der Wirtschaft Praktika absolvieren sollen. „Damit die am eigenen Leib erfahren, wo ihre Schüler später mal landen. Was die Jugendlichen wissen müssen, welche Fähigkeiten sie brauchen.“
19 Prozent der Schwarzheider Belegschaft sind Auszubildende, 20 bis 30 Schüler- und Hochschulpraktikanten werden jährlich betreut. „Ein Geben und Nehmen“ , sagt Giapapas. „Wenn wir Schüler hierher einladen, besprechen wir vorher mit ihnen, was sie machen wollen, bereiten alles vor. Da waren dann neulich welche, die haben sich mit großer Begeisterung ihre eigenen Möbel für den Schulhof bei uns gebaut. Sie lernen, wir kriegen Anregungen.“ Dieses wechselseitige Geben und Nehmen, er pflegt es mit der Politik, mit BTU und Fachhochschule, mit seinen Geschäftspartnern aus aller Welt.
Klingt wunderbar, kostet aber viel Zeit und Kraft. Der Tag vergeht mit Sitzungen ( „niemals langweilig, es geht ja immer um die Zukunft, um Entwicklung und Erweiterung)“ , seine Frau ist längst schon wieder daheim, als Sokrates so gegen 21 Uhr endlich Feierabend macht.
Was heißt Feierabend: Seine Frau hat das Abendessen gekocht, seine unerledigte Post mit nach Hause genommen, vorsortiert. „Die bearbeiten wir dann gemeinsam, damit morgen nichts Unerledigtes auf dem Tisch liegt.“ Im Bett liest der noch immer Energiegeladene Mann Fachbücher, will dranbleiben am Puls der Branche. Dienstreisen gilt es vorzubereiten, schließlich leitet der Unternehmer noch zwei weitere Werke im Süddeutschen.
E-Mails beantwortet er grundsätzlich am Wochenende, kümmert sich dann auch um seine Aufgaben im griechischen Olympischen Komitee ( „ich war mal Basketball-Nationalspieler“ ) und bereitet sich so ganz nebenbei auf seinen Abschied vor.
Ende Februar gibt er die Leitung seiner drei Werke ab. „Meine Position wird es dann vorerst nicht mehr geben. Schwarzheide wird von einem Team junger Leute geführt.“ Giapapas bleibt dem Haus als Berater verbunden. Hütet sich aber davor, „den jungen Leuten auf die Nerven zu gehen. Ich arbeite von zu Hause aus oder nehme das Laptop während des Urlaubs mit nach Griechenland. Wenn meine Nachfolger einen Rat brauchen, werden sie sich schon melden.“ Nicht nur für die Rohrwerke, auch für die Region will der kinderlose Unternehmer weiter aktiv bleiben. „Werben für Brandenburg, für die Wirtschaft, für die Bildung.“
Das Telefon klingelt. Sokrates Giapapas meldet sich. Bereit für Neues, für Bewegung, für mutige Projekte. Sokrates Giapapas, 67, ein Grieche aus Schwarzheide.