Das verhinderte vermutlich einen atomaren Konflikt. Warum blieb Ihr Druck auf den Alarmknopf aus?

Ich hatte furchtbare Angst. Denn ich wusste in diesem Augenblick ganz genau: Wenn ich eine falsche Entscheidung treffe, gelangt sie auf dem Dienstweg bis zur militärpolitischen Führung. Und dort würde mich niemand korrigieren. Das Bauchgefühl ist nur die eine Sache. Bauchgefühl ohne Wissen bringt nichts. Ich war selber an der Entwicklung des Abwehrsystems beteiligt und habe es ganz genau gekannt. Ich war zum Diensthabenden Offizier eingeteilt, ohne ein solcher zu sein. Einmal pro Monat mussten aber auch die Ingenieure ran. Das war Glück. Ein reiner Militär hätte wohl in diesem Augenblick seinen eigenen Algorithmus abgespult.

Konnten Sie sich in dieser Situation mit jemandem absprechen?
Ich konnte mich mit niemandem beraten. Es ging die sogenannte Festbeleuchtung im Gefechtsführungszentrum an. Die Sirene heulte los und auf dem Bildschirm lief in großen Buchstaben das Wort "Raketenstart". Der Computer zeigte den US-amerikanischen Stützpunkt an, von dem die Raketen angeblich gestartet waren. Unser Computer gab die Wahrscheinlichkeit des Angriffs mit "maximal" an. Das bedeutete 100 Prozent. Es existierten noch zwei weitere Abstufungen – eine mittlere und eine niedrige Wahrscheinlichkeit.

Verfolgt Sie dieser Augenblick heute noch in Ihren Träumen?
Nein, überhaupt nicht. Ich war der Ansicht, meinen Job gemacht zu haben. Das Frühwarnsystem war ein ausgesprochen komplexes und kompliziertes System, das konnten sich damals nur zwei Staaten auf der Welt leisten, die USA und die Sowjetunion. Bei uns wurde es unter enormem Zeitdruck aus dem Boden gestampft, die Amerikaner hatten es schon. Das System war mit Fehlern behaftet, die Fehler wurden nicht behoben. Das führte letztlich zu dem Fehlalarm.

Mit Stanislaw Petrow

sprach Jörg Schurig, dpa