Alles fing an dem Tag an, als Dschamilas Sohn von einer Schlange gebissen wurde und starb. "Ich habe um mein Kind geweint, ich konnte nicht mehr schlafen", erzählt die Afghanin sechs Jahre nach der Rückkehr in ihre Heimat nach Dschalalabad. Dann habe die Tante einer Nachbarin ihr geraten, zur Beruhigung etwas Opium zu nehmen. "Ich habe es einmal getan, zweimal, dann dreimal . . . Jetzt sind es sechs Jahre, dass ich Drogen nehme." In Afghanistan werden mehr als drei Viertel des weltweit gehandelten Opiums angebaut - und immer mehr Afghanen werden selbst drogensüchtig, wie die Uno schon vor Monaten warnte. Gegenwärtig beraten internationale Experten bei einer von Großbritannien organisierten Tagung in Kabul über das Problem.
"In Kabul bekommt man sämtliche Drogen, außer vielleicht Kokain, für wenig Geld", sagt Mohammed Aman Raufi, der als Sozialarbeiter für die afghanische Drogenbekämpfungsorganisation Nedschat arbeitet. "Die Zahl der Drogensüchtigen, besonders der Heroinabhängigen, steigt von Tag zu Tag." Wie eine gemeinsame Untersuchung von Nedschat und dem UN-Büro für Drogen und Verbrechen (UNODC) ergab, leben in der afghanischen Hauptstadt Kabul etwa mehr als 10 000 Opiumsüchtige und 7000 Heroinabhängige, dazu rund 14 000 Menschen, die von Medikamenten abhängig sind und 6500 Alkoholiker.
Knapp 700 Süchtige haben bislang Hilfe bei der Organisation gesucht, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Eine von ihnen ist Schafika, die mit 17 gegen ihren Willen mit einem doppelt so alten Mann verheiratet wurde - der noch dazu "das Teufelspulver" Heroin nahm, wie sie es nennt. "Als ich gemerkt habe, dass er Drogen nimmt, hatte ich furchtbare Angst", erzählt die 27-Jährige. "Erst hat mein Mann mich überredet, Opium zu nehmen, damit ich schlafen kann. Dann, als das Opium nicht mehr gewirkt hat, kam Heroin." Schafika sieht traurig aus, ihre Augen sind faltig wie bei einer alten Frau. Sie nimmt seit neun Jahren Drogen.
Der Sozialarbeiter von Nedschat führt die Zunahme der Drogenabhängigen darauf zurück, dass in den vergangenen zwei Jahren so viele Afghanen aus Nachbarländern in ihre Heimat zurückgekehrt sind - über 2,5 Millionen Menschen seit März 2002. "Der hauptsächliche Faktor für diesen Anstieg ist die Flut der Flüchtlinge, die aus dem Exil in Pakistan und Iran zurückkommen, wo Drogen eine echte gesellschaftliche Plage sind."
Die Uno machte in ihrem Bericht vom Juli aber auch "Leid und Entbehrungen" der Afghanen dafür verantwortlich, dass der Drogenkonsum "seit mehreren Jahren regelmäßig steigt". Zudem seien die gesellschaftliche Kontrolle in dem vom Krieg zerstörten Land zusammengebrochen und Drogen quasi an jeder Ecke zu haben. "Viele Kriegsversehrte sind davon abhängig geworden, dass sie so oft Opium, Morphium oder Heroin zur Schmerzbekämpfung genommen haben", heißt es weiter. Es gibt keine amtlichen Angaben darüber, wie viele Afghanen drogenabhängig sind, aber nichtstaatliche Organisationen schätzen, dass sich ihre Zahl im vergangenen Jahr verdoppelt hat - und sich auch dieses Jahr wieder verdoppeln wird.
Besonders Großbritannien setzt sich dafür ein, das Problem des Drogenanbaus in Afghanistan in den Griff zu bekommen - bislang hat London bereits 70 Millionen Pfund (knapp 102 Millionen Euro) für den Kampf dagegen zur Verfügung gestellt. Zudem organisiert die britische Regierung eine internationale Konferenz zur Bekämpfung von Handel, Anbau und Konsum von Drogen in Afghanistan, zu der gestern und heute knapp 300 Fachleute aus aller Welt in Kabul erwartet werden.
Ob Schafika und ihr Mann davon etwas haben werden, ist fraglich. Das Paar lebt in einem armen Vorort der Hauptstadt in einem völlig zerstörten Haus und jeden Tag bringen die Kinder der beiden umgerechnet knapp fünf Euro vom Betteln nach Hause. Die Hälfte davon brauchen Schafika und ihr Mann für Drogen.