Polizeisirenen heulen ohrenbetäubend. Bewaffnete Beamte sperren die Rue Delaunoy in Molenbeek mit blau-weißem Plastikband ab. "Sie kommen hier nicht durch", lautet die ebenso ruhige wie bestimmte Ansage. Die Fahndung nach den Attentätern von Paris und möglichen Hintermännern geht auch am Montag im Brüsseler Westen weiter. Mittags versammeln sich dann kommunale Beschäftigte auf dem Platz vor dem Bezirksrathaus von Molenbeek. Sie gedenken mit einer kurzfristig angesetzten Schweigeminute der Opfer der Pariser Terroranschläge. Mitarbeiter der Stadtreinigung mit orangen Westen stehen am Rande. Die belgische Flagge in Schwarz, Gelb und Rot weht auf halbmast.

Bezirksbürgermeisterin Françoise Schepmans hat sich wegen des kräftigen Windes einen weißen Schal umgebunden. Die liberale Politikerin steht aufrecht da. Die zierliche Frau mit blonden Haaren und schwarzem Ledermantel vermittelt, dass sie ungeachtet aller Probleme weitermacht. "Ich fühle mich in meiner Gemeinde nicht bedroht", sagt sie, ohne einen Moment zu zögern. "Ich bin hier zu Hause, ich lebe hier seit 50 Jahren."

Die 55 Jahre alte Gemeindechefin nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie spricht von jungen Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Früher hätten sie zur Kleinkriminalität gehört, heute seien sie radikalisiert. "In einigen Straßen ist der soziale Zusammenhalt gescheitert", bilanziert sie.

Baschir kann vor Empörung kaum an sich sich halten. "Belgien hat mir alles gegeben", erzählt der 39-Jährige. Wer in ein Land komme, müsse sich an die Regeln halten. Und Eltern müssten sich um ihre Kinder kümmern.

Der Mann marokkanischer Herkunft hat mit dem Problemviertel gebrochen, ist mit der Familie in die Umlandregion Flandern gezogen, wo die Kinder Niederländisch in der Schule sprechen. Das ist nicht einfach für Kinder, die mit Französisch aufgewachsen sind. "Sie sollen hier nicht aufwachsen", lautet das Credo des Vaters.

Belgien hat nicht nur ein Sicherheits-, sondern auch ein Imageproblem, wenn nach jedem Terroranschlag Spuren nach Molenbeek weisen. Bürgermeisterin Schepmans ist mit dem Kurs der Regierung des liberalen Premiers Charles Michel einverstanden. "Umso besser", sagt sie. "Die Gemeinde hat keine Mittel. Wir brauchen Unterstützung."

Bewohner der vermeintlichen "Dschihadisten-Hochburg" wehren sich mit kleinen Gesten gegen das schlechte Image ihrer Gemeinde. Einige tragen einen Anstecker mit der Aufschrift "1080" - der Postleitzahl Molenbeeks.

Vor dem Rathaus von Molenbeek helfen Sicherheitsbeamte den Bewohnern in sehr umgänglicher Weise mit Auskünften weiter. Man kennt sich, es gibt Küsschen auf die Wange. Das muss man woanders suchen in Brüssel. "Sie möchten Ihre Miete für eine Sozialwohnung bezahlen? Bitte im 1. Stock, bei der Gemeindekasse", lautet der Hinweis für einen jungen Vater. "Der Alltag klappt gut in Molenbeek - aber vielleicht haben wir uns getäuscht", meint Bürgermeisterin Schepmans nachdenklich.