DOSB-Chef Thomas Bach ist jetzt auch IOC-Präsident. Verbinden Sie damit Hoffnungen auf einen konsequenteren weltweiten Kampf gegen Doping?
Ja, aber sie sind nicht allzu groß.

Warum sind Sie pessimistisch?
Der Eindruck täuscht ein wenig. Aber ich sage: Ohne einen nennenswerten Beitrag des IOC wird das nicht gehen. Wenn man weiß, dass die Internationale Anti-Doping-Agentur Wada nur 12,5 Millionen Dollar für ihre Arbeit vom IOC erhält, und von allen anderen Ländern zusammen derselbe Betrag kommt - dann ist das eine Alibi-Maßnahme. Das Zehnfache muss in diesen Topf.

Glauben Sie an einen dopingfreien Spitzensport?
Es ist schon auffällig: Entweder haben die Spitzensportler in jüngster Zeit vom Doping abgelassen oder sie sind sehr viel vorsichtiger geworden. Ob man deutschlandweit davon reden kann, dass der Spitzensport auf Doping verzichtet hat und einsieht, dass das Betrug im Sport ist - das wage ich zu bezweifeln.

Worauf gründet sich Ihre Feststellung?
Darauf, dass die Methoden differenzierter geworden sind und dass die Analysenachweise immer hinterher hinken. Man muss schon Riesenoptimist sein, um zu behaupten, dass wir einen dopingfreien Spitzensport hätten.

Systematisches Doping in der DDR - hat es Sie überrascht, dass nach einer Studie des Bundesinstituts für Sportwissenschaft auch der Spitzensport in der BRD seit 1949 zu unerlaubten Mitteln gegriffen hat?
Nein, weil ich schon vor Jahren die These vertreten habe: In der DDR war Doping staatlich angeordnet. Und in der BRD staatlich geduldet. Heute sehe ich das noch etwas differenzierter. Es gab - mehr als vermutet - staatlich begleitetes Doping, insbesondere über das Institut für Sport und Sportwissenschaft in Freiburg. Das war systematisches staatliches Doping mit Unterstützung des Bundesinnenministeriums und finanziert durch Steuergelder. Gravierende Unterschiede zur DDR sehe ich hier nicht. Ich befürchte zudem, dass auch in der BRD bei Jugendlichen nicht haltgemacht wurde. Sport und Politik müssen sich vorwerfen lassen, die Signale, die es gab, nicht erkannt zu haben.

Wo sehen Sie die Ursachen dafür?
Auch darin, dass der Spitzensport von Funktionären geführt worden ist, die nicht unbedingt eine weiße Weste hatten. Wenn die sich im Kampf gegen Doping starkgemacht hätten, wäre das womöglich auf sie selbst zurückgefallen. Deshalb hat man lieber den Mantel des Schweigens über das Thema gedeckt.

Wie bewerten Sie die jüngst vorgelegte Studie des Bundesinstituts für Sportwissenschaft zum Doping in der BRD?
Zunächst war sie längst überfällig. Sie ist übrigens unter meinem Vorsitz im Sportausschuss initiiert worden. Der Bundestag hat auch die Mittel dafür bereitgestellt. Das war also keine Initiative des DOSB, wie es heute gern dargestellt wird. Das Einzige, was man dem DOSB anrechnen kann: Er war nicht dagegen.

Nach den Doping-Geständnissen von sieben Telekom-Radprofis 2007 hatten Sie für eine Amnestie für geständige Dopingsünder plädiert - damit diese sich offenbaren. Dazu ist es nie gekommen. . .
Dazu hat es in der damaligen Großen Koalition und im Sportausschuss riesige Konflikte gegeben. Die SPD war für ein konsequentes Anti-Doping-Gesetz. Doch die Union stimmte immer dagegen. Enttäuschend für mich: Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble, mit dem ich zunächst auf einer Linie war, vollzog in einer denkwürdigen Sitzung im Innenministerium plötzlich einen Schwenk und vertrat die Meinung: Wir machen nichts gegen den deutschen Spitzensport.

Damit war das Gesetzesvorhaben gestorben?
Ja. Weil der DOSB mit seinem Präsidenten Thomas Bach immer der Auffassung war, dass der Sport das allein schafft. Dabei muss ich einräumen: Wenn ein Sportler positiv getestet wurde, dann haben sie auch schnell agiert. Aber im Anti-Doping-Gesetz sollte schon das Bei-sich-Führen von Dopingsubstanzen unter Strafe gestellt werden. Das wurde abgelehnt. Die darauf folgende marginale Änderung des Arzneimittelgesetzes war nicht mehr als Augenwischerei.

Plädieren Sie weiter für ein Anti-Doping-Gesetz, um auch juristisch Einfluss nehmen zu können?
Ich bin weiter ein entschiedener Befürworter des Gesetzes und sehe auch erhebliche Bewegung. Immerhin gibt es eine Reihe von Ländern, zugegeben SPD-regiert, die die Initiative unterstützen. Und Innenminister Hans-Peter Friedrich hat sich nicht dagegen ausgesprochen. Ich hoffe, dass der neue Bundestag parteiübergreifend ein solches Gesetz auf den Weg bringt.

Rücken Sie damit von einer zweiten Chance für Dopingsünder ab?
Wer sich freiwillig stellt, dem muss eine zweite Chance eingeräumt werden. Das ist für mich eine Art Amnestie, damit Strukturen offengelegt werden können.

Wie sieht der Spitzensport in zehn Jahren aus?
Ich bin noch immer optimistisch, dass man das Problem in den Griff bekommt. Ob zehn Jahre reichen werden, das würde ich nicht unterschreiben.

Mit Peter Danckert

sprach Christian Taubert