Haitis Staatschef Jean-Betrand Aristide schließt trotz des weiteren Vormarschs der Rebellen bislang einen Rücktritt und Zugeständnisse kategorisch aus. "Ich bin bereit, zu sterben, um mein Land zu verteidigen", sagte der Präsident am Donnerstag auf der Trauerfeier für Polizisten, die in den vergangenen zwei Wochen bei Gefechten mit Rebellen getötet wurden. Er bezeichnete seine Gegner in einer wütenden Rede als "Terroristen", vor denen er nicht zurückweiche. Unterdessen kündigten die USA einen Friedensplan für die Karibikrepublik an. Dieser sieht nach den Worten von Außenamtssprecher Richard Boucher eine unabhängige Regierung und eine bessere Führung der Polizei vor. Der US-Plan decke sich im Wesentlichen mit den Vorschlägen der Karibischen Staatengemeinschaft (Caricom). Die Vorschläge, die Opposition und Regierung unterbreitet werden sollen, sehen allerdings nicht den Rücktritt Aristides vor, dessen Amtszeit regulär im Februar 2006 endet. Die bürgerliche Opposition aber macht für die Aufnahme von Verhandlungen die Abdankung des Staatschefs zur Voraussetzung. Auch die Rebellen wollen kämpfen, bis der Präsident von der Macht verdrängt ist.
Die Aufständischen nahmen unterdessen eine weitere Stadt an der Grenze zur Dominikanischen Republik ein. Nach Augenzeugenberichten flüchteten die Polizisten in der Ortschaft Ouanaminthe vor den anrückenden Rebellen, die alle Gefangenen aus dem Gefängnis freiließen. Über den Grenzübergang Dajabon-Ouanaminthe läuft rund die Hälfte des Handels zwischen beiden Staaten. Unterschiedlichen Berichten zufolge haben die Rebellen jetzt die Kontrolle über 13 bis 20 Städte und Dörfer im Norden Haitis. Bei den Gefechten zwischen der Polizei und der "Anti-Aristide-Front" sind seit Anfang Februar mindestens 60 Menschen getötet worden.
Der Plan von Caricom sieht weiter vor, dass Aristide in Abstimmung mit der Opposition einen Regierungschef ernennt und alle politischen Gefangenen freilässt. Doch Aristide ist anscheinend zu keinerlei Kompromiss bereit. In einem Interview mit dem kanadischen Radio hatte der Staatschef am Mittwoch gesagt, er werde keinen Ministerpräsidenten aus Kreisen der Opposition benennen: "Ich bin nicht so unverantwortlich, jemanden zu ernennen, der offen Terroristen unterstützt."
Unterdessen mehrten sich die Gerüchte, die Rebellen könnten während des Karnevals am Wochenende ihren oft angekündigten Angriff auf die Hauptstadt Port-au-Prince wahr machen. Rebellenführer Guy Philippe forderte Aristide zum unverzüglichen Rücktritt auf: "Wenn ihn die internationale Gemeinschaft nicht schnell davon überzeugt, marschieren wir bis zum Präsidentenpalast", so Philippe. Die US-Regierung rief ihre Staatsbürger auf, Haiti zu verlassen, solange es noch möglich sei.
Am Wochenende wird in Haiti zudem eine Vermittlerdelegation von Vertretern aus den USA, aus Frankreich, Kanada und der Caricom erwartet. Sie wollen Aristide überzeugen, die Vorschläge der karibischen Staatengemeinschaft anzunehmen. "Es gibt eine Frist, in der Aristide handeln muss", sagte der kanadische Außenminister Bill Graham. "Er kann nicht unbegrenzt so weitermachen." Auch US-Außenamtschef Colin Powell deutete an, dass Washington die Demission Aristides akzeptieren würde. Die bürgerliche Opposition will gemäß der Verfassung nach Aristides Rücktritt die Amtsgeschäfte vorübergehend in die Hände eines Mitglieds des Obersten Gerichtshofs legen.